Skip to content

Die Welt als Publikum für alle

Wer politisch interessiert ist, liest Zeitung. Dieser Grundsatz galt in der westlichen Hemisphäre nahezu unbeschränkt bis in die Zeit moderner Kaiser und Könige zurück. Kommunikationstheoretisch betrachtet galten dabei zu allen Zeiten dieselben Regeln: Ein meist institutionalisierter, politischer Akteur -von Kaiserhof bis Studentenvereinigung- erarbeitet redaktionelle Inhalte, bringt sie in Druckform und distributiert schlussendlich sein Werk. Rezipienten jener Veröffentlichungen konsumieren den Inhalt und beenden somit den Kommunikationsprozess. Auch mit dem Aufkommen des Fernsehens blieben die wichtigsten Grundpfeiler gleich: Interaktivität, bzw. Möglichkeiten für Feedback waren nur äußerst begrenzt gegeben und Gatekeeper für zu veröffentlichende Inhalte blieben die verantwortlichen Redaktionen. Mit dem Web 2.0 änderte sich dies grundlegend. (vgl. Schmidt 2011) In dem vorliegenden Artikel möchte ich stellvertretend anhand des YouTube-Kanals von Tilo Jung herausarbeiten, wie sich im Digitalen Netz die Grenzen zwischen „Redaktion“ und „Rezipient“ vermischen und welche Evolution dies in der Politischen Kommunikation bedeutet.

 

Technik eröffnet Wege

Widmen wir uns zunächst den technischen Grundlagen für die neue Welt: Moderne IT-Geräte erlauben jeder Person den zeit- und ortsunabhängigen Konsum politischer Inhalte. Möchte ich als Nutzer die Videos von Tilo Jung begutachten, kann ich dies nahezu unbeschränkt umsetzen. Anders als im Fernsehen steht mir außerdem zumeist das volle Archiv vergangener Inhalte zur Verfügung. Oftmals kann ich zudem in direkten Kontakt mit dem Ersteller der Inhalte treten – sei es zum Meinungsaustausch mit ihm oder seiner Community oder generellem Feedback. Die Hürden für Konsum und Partizipation sind im Web 2.0 minimal. Gleiches gilt zudem für meine eigene, persönliche Distribution: Es bedarf nur sehr begrenzter technischer Expertise, um eigene Inhalte zu kreieren und in das WWW zu distributieren. YouTube als Plattform ist ein perfektes Beispiel, das vorliegende Lernportfolio ebenso.

 

Tilo Jung begann jene Produktion und Distribution im Jahr 2013, ausgestattet mit minimalen Produktionsmitteln. Mit dem professionellen Format „Jung & Naiv“ erschloss er zunehmend und teils über seine Zielgruppe hinausgehend ein beachtliches Publikum. Ein durchdachtes Konzept, qualitativer Inhalt und den Finger am „Zeitgeist“ waren Faktoren seines Erfolges. Die andauernde Weiterentwicklung YouTubes als kommerzielle Plattform ermöglichen Selbstständigem wie ihm eine Tätigkeit sowie finanzielle Existenz, welche 20 Jahre zuvor in dieser Form nicht denkbar gewesen wäre. Einzig als Mitglied innerhalb eines redaktionellen Teams einer Medieninstitution wären sowohl jene Reichweite als auch finanzielles Auskommen denkbar gewesen. Damit einhergehend wären jedoch alle Limitierungen gewesen, welchen ein Redakteur als Teil eines Teams unterliegt. Mit „Jung & Naiv“ bestand innerhalb ökonomischer Zwänge jedoch vollständige, inhaltliche Freiheit. Aktueller Zwischenstand der Reise des Tilo Jung ist ein fester Platz auf der Bundespressekonferenz und eine Reihe von Reportagen aus unterschiedlichen Ecken der Welt.

 

Im gleichen Maße, wie Herrn Jung und vielen anderen ein neuer Berufszweig erwächst, eröffnet sich auch dem „Otto-Normalverbraucher“ die Möglichkeit, als Kommuniktor oder Multiplikator aufzutreten. Mit dem Handy aufgenommene Videos, welche (scheinbar) ein Thema darstellen, welches hoch auf der öffentlichen Agenda steht – das Potential für das Erreichen eines Millionenpublikums ist hiermit bereits gegeben. Über Nacht kann durch Netzwerkeffekte ein Facebook-Eintrag mit einem Video sich prügelnder Flüchtlinge ebenso Millionen Rezipienten erreichen wie neugeborene Katzen auf einem Bauernhof in Buxtehude. Solche viralen Phänomene stellen ein Extrem der Kommunikation innerhalb des Internets dar.

 

Herausforderungen der unbegrenzten Kommunikation

Der liberalisierenden Wirkung solcher kommunikativen Möglichkeiten stehen jedoch dunkle Pendants gegenüber: Politische Akteure aller Farben wissen mehr und mehr die Dynamik der Kommunikationswelt für ihre Zwecke zu nutzen. Eines der sicherlich abschreckendsten Beispiele, womit ein Internetnutzer heute konfrontiert werden kann, ist sogenannte Terrorpropaganda. Gewalttätige, extremistische Gruppierungen nutzen die Freiheiten des Digitalen Netzes zunehmend systematisch, um ihre individuellen Kommunikationsziele zu erreichen. (vgl. Rothenberger 2015) Solche Inhalte werden auf den meisten großen Plattformen des Internets zwar durch deren Betreiber verfolgt und gelöscht – der technische Aufbau des Netzes bedingt jedoch, dass diese Jagd nur begrenzt erfolgreich sein kann. Da es keine filternde Instanz wie etwa die Redaktion eines Fernsehkanals mehr gibt -bzw. der einzige Filter die Absender selbst sind-, finden sich Licht und Schatten dicht nebeneinander. Dies stellt mit Blick auf Nationalstaaten und Gesellschaften ebenjene vor große Herausforderungen. Die Suche nach angemessenen Strategien wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ein prägendes Thema bleiben und uns alle vor Kernfragen bzgl. unserer gesellschaftlichen Ordnung stellen. Bisher versuchen die meisten Staaten, über gesetzliche Regelungen die Betreiber großer Plattformen in Haftung zu nehmen. Bestehend bleiben jedoch die unauffälligen, der breiten Masse meist unbekannten Nischen. Fast schon harmlos demgegenüber wirkt die zuletzt viel diskutierte Thematik der „Fake News“: Jeder Einzelperson ist es mittlerweile möglich, Falschmeldungen zu verbreiten, populistische Stimmung zu schüren und bei ausreichender Versiertheit nahezu unterkannt zu bleiben. Mehr denn je gewinnen daher Mechanismen zur Zertifizierung von Informationen -etwa durch Überprüfung und Aufarbeitung durch Journalisten- an Bedeutung. Über weitere Herausforderungen, welche aus den technischen Eigenschaften des Internets erwachsen, werde ich außerdem in einem kommenden Blogeintrag reden.

 

Ausblick

Wohin wird also die Reise gehen? Ich vermute, dass wir weiterhin einen Trend zur Moderation von großen Kommunikationsplattformen sehen werden. Kommerzielle Anbieter können sich dem Druck der Staaten nicht entziehen und werden Kontrollmechanismen weiterentwickeln. Den nächsten Tilo Jung wird dies vermutlich kaum beeinflussen, auch Otto-Normalverbraucher wird wenige Änderungen in der Nutzungserfahrung haben – so die westliche Welt weiterhin vehement für Meinungsfreiheit im Internet eintritt. Dunkle Ecken werden bestehen bleiben – wie weit unsere Regierungen gehen werden, um die Staatsgewalt bis in jene Ecke zu tragen, könnte entscheidend für unsere gesellschaftliche Zukunft sein. Doch dazu im letzten Artikel meiner Reihe. Zunächst möchte ich mich anhand von zwei Beispielen der Frage widmen, wie das Digitale Netz für die vielleicht deutlichste Form Politischer Kommunikation genutzt werden könnte – des Dialogs zwischen Bürger und Staat.

 

Quellen

  • Jung, Tilo: Jung & Naiv. Elektronische Veröffentlichung: https://www.youtube.com/user/Nfes2005, Zugriff am 30.03.18.
  • Rothenberger, Liane: Terrorism as Strategic Communication. In: Holtzhausen, Derina & Zerfass, Ansgar (Hg.): The Routledge Handbook of Strategic Communication. New York / London: Routledge, 2015.
  • Schmidt, Jan: Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. 2. Aufl., Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2015.
Zur Werkzeugleiste springen