In seinem Beitrag zu einem Stufenmodell für den Übergang zu „Lernen durch Lehren“ spricht Christian Spannagel von zwei Stufen, die man ausgehend von herkömmlichem Frontalunterricht erklimmen kann, um Lehrveranstaltungen interessanter und hinsichtlich ihrer Lernwirkung intensiver machen kann. Den Schlüssel bildet für ihn der Ansatz zum „Lernen durch Lehren“. Ich denke, dass das Stufenmodell nicht wirklich adäquat geeignet ist, um (formelle) Lernprozesse zu verstehen und bewusst zu gestalten. Anstelle der drei Stufen „Stufe 0“ bis „Stufe 2“ muss man wohl eher von drei Dimensionen reden, die all jenen, die sich wissenschaftlich mit Pädagogik beschäftigen, nicht neu ist.

Nun bin ich kein Pädagoge und kann daher auch nicht die sicher existierenden konzeptuellen Modelle referieren. Dennoch habe ich inzwischen soviel didaktische Erfahrungen gesammelt, dass mir die Stufen von Christian Spannagel durchaus bekannt sind, zumal sie selbst die qualitative Entwicklung meiner Lehrveranstaltungen recht gut beschreiben. Es macht also vielleicht Sinn, zumindest die Dimensionen näher zu bezeichnen, die dem Stufenmodell zugrunde liegen und einen „Konzeptwürfel“ aufziehen, in dem das Stufenmodell von C. Spannagel nur einen Pfad von (theoretisch) vielen möglichen darstellt. Ich verbinde damit die Vorstellung, dass Lehre auf Stufe 0 nicht unter allen Umständen als unangemessen anzusehen ist.

Was assoziiere ich mit den drei LdL-Stufen?

Stufe 0 (Frontalunterricht): unidirektionaler Informationstransfer; meist geringes Aktionsrepertoire; geringe Interaktionsmöglichkeiten des „Auditoriums“, klare Rollenverteilung zwischen Lehrer (im wahrsten Sinne des Wortes) und Lerner/Schüler, d.h. wenig Eigenverantwortung und Möglichkeiten der Einflussnahme seitens der Schüler.

Stufe 1 (Gruppenunterricht): i.d.R. diskursbasierter Unterricht; stärkere Interaktionsmöglichkeiten in der Gruppe (die sich nicht mehr als Auditorium wahrnimmt); Übertragung von Verantwortung und Kontrolle vom Lehrenden auf den Lernenden, d.h. eigenverantwortliches Handeln der Lernenden wird zum wesentlichen Bestandteil der Lehr-/Lernsituation.

Stufe 2 (Situierter Gruppenunterricht): Vermittlung von Information/ Erarbeitung von Wissen im Kontext der Verwertbarkeit / Relevanz; u.U. auch Aufgabe der Souveränität einer schulischen Situation – weil die Ergebnisse des eigenen Tuns im Lernprozess schlecht bzw. nicht mehr kontrollierbare Wirkungen entfalten.

Der Übergang von Stufe 0 zu Stufe 1 bewegt sich offenbar entlang der Dimension „Interaktivität“ – nach der Definition von van Dijk: Mehr Interaktivität erreicht man durch ein reichhaltigeres Aktionsrepertoire („…Sozialformen, Methoden und Medien…“ im Beitrag von C. Spannagel), durch die bewusste Steuerung der (A-)Synchronizität von Aktionen, durch den bewussten Einsatz von Kontrollmöglichkeiten (eben auch die Übertragung von Kontrolle an die anderen Teilnehmer der Lehr-/Lernsituation – die so genannten Lerner) und nicht zuletzt von „Verstehen“. Ist angesichts dieses Verständnisses von Interaktivität C. Spannagels „Stufe 1“ nicht eher eine „Stufe 0,75“?

Der Übergang von Stufe 1 zu Stufe 2 adressiert in dem Beitrag von C. Spannagel vor allem die Situiertheit, d.h. den Praxisbezug von Lehr-/Lernsituationen. Man hat den Eindruck, dass Praxisbezug, d.h. projektorientiertes Lernen unter allen Umständen als positiv anzusehen ist. Die Stärke menschlichen Denkens besteht aber gerade auch in der Abstraktionsfähigkeit und darauf aufbauend in der Fähigkeit zum Transfer von Wissen auf neue Problemdomänen. Man muss also abseits vom Nachdenken über (berufs-) praktische Fragestellungen auch die Fähigkeit zu Abstraktion, etwa in Form von Theorie- und Modellbildung ansprechen. Mir scheint, dass hier gleich mehrere Aspekte berührt werden:

  • Situiertheit (Kontextualisierung von Lehr-/Lernsituation): als Dimension mit den Stufen „nicht situiert“, „simuliert“, „produktiv“
  • konzeptueller Transfer (deduktives Vorgehen) vs. Modell- bzw. Theoriebildung (induktives Vorgehen): als Dimension „Abstraktion“ mit den Stufen „deskriptiv“, „generalisierend“
  • Reflexion (Assessment for Learning, aber auch Informationsverdichtung und in diesem Sinne abstrahierend); aufgreifbar in der Dimension „Evaluation“ mit den Stufen „unreflektiert“, „summativ reflektiert“, „formativ reflektiert“
  • Vernetzung (Konstruktion – kollektiven – Wissens) in der Dimension „Wissenrepräsentation“ mit den Stufen „unrepräsentiert“, „artefaktisch“, „multiperspektivisch“
Dem Pädagogen werden diese Aspekte wohl eher krautig vorkommen. Hier ist also Diskussion und (Er-) Klärung erwünscht.
In diesem Sinne möge dieser Beitrag zu einer angeregten Diskussion beitragen.


3 Responses to “Geschieht Lernen durch Lehren (LdL) wirklich auf drei Stufen?”

  1.   Christian Spannagel Says:

    Vielen herzlichen Dank für diese tolle Reaktion auf meinen Beitrag! Du hast vollkommen recht, dass es sich bei den Stufen eigentlich um zwei (!) Dimensionen handelt: Ausgehend von „Stufe 0“ kann ich zunächst die Dimension „Aktivierung“ ändern oder die Dimension „Situiertheit“.

    Dennoch haben für mich die Stufen tatsächlich eine Bedeutung: Ich würde (und da spreche ich von meinen persönlichen Seminaren) immer zunächst eine LdL-Form erster Stufe wählen. Dort, wo es möglich ist, wähle ich dann „sogar“ die Stufe 2. Stufen haben also deshalb für mich eine Berechtigung, weil „Stufe 1“ immer geht und „Stufe 2“ manchmal (und Elemente von Stufe 1 in Stufe 2 enthalten sind).

    Du schreibst: „Ist angesichts dieses Verständnisses von Interaktivität C. Spannagels “Stufe 1″ nicht eher eine “Stufe 0,75″?“ – Das verstehe ich nicht – wieso?

    Und zu deinen weiteren Dimensionen (zu denen man sicher auch noch weitere hinzufügen kann): „Abstraktion“, „Evaluation“ und „Wissensrepräsentation“ sind als Dimensionen sicher aufführbar, aber aus meiner Sicht nicht als generelle Seminarcharakteristika relevant: Sie erwecken für mich eher den Eindruck, dass man diese in jeder Seminarform „mal so und mal so“ umsetzen kann – während die drei Stufen „ganz oder gar nicht“ Entscheidungen sind.

    [Antwort]

  2.   koelibri Says:

    Der Hinweis „Stufe 0,75“ bezieht sich auf die Interaktivitätsdefinition von van Dijk. Er gibt vier Dimensionen an, die er ebenfalls als Stufen anordnet. Beim Übergang von Stufe 0 auf Stufe 1 fand ich in Deinem Post nur Belege für drei der insgesamt vier Aspekte von Interaktivität bzw. „Aktivierung“. Letztlich war die Frage aber auch nur provokativ gestellt. Ich gehe fest davon aus, dass jeder interessierte Dozent ab einem bestimmten Niveau von Lehrerfahrung alle Nuancen der Aktivierung beherrscht, also wirklich auf Stufe 1 agiert.

    Den Begriff „Aktivierung“ assoziiere ich übrigens mit einer klaren Rollenverteilung: der Dozent hat die Aufgabe/Pflicht zu aktivieren. Schöner wäre, wenn diese Aktivierung aus der Gruppe heraus selbst erfolgt, sich also alle Gruppenmitglieder in gleicher Weise kompetent an der Kontrolle der Lehr-/Lernsituation beteiligen. Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass holländische Studierende sich selbst unterrichten. Der Dozent praktisch nicht mehr anwesend. Das wäre die Idealvorstellung für Stufe 1, nicht?

    [Antwort]

  3.   Christian Spannagel Says:

    „Sich selbst unterrichten“ ist wirklich ideal – darum geht’s ja bei LdL. Allerdings würde ich sagen, dass die Abwesenheit des Dozenten auf keinen Fall wünschenswert ist: Er muss für die entsprechende Atmosphäre, den „Rahmen“, sorgen.

    [Antwort]

Leave a Reply

Zur Werkzeugleiste springen