Anfang des Jahres machte der Beitrag „Achten Sie auf Urheberrechte!“ auf ein Problem aufmerksam, dass dem E-Portfolio-Einsatz im Rahmen der Hochschullehre leicht das Genick brechen könnte, zumindest aber einen gehörigen Stolperstein darstellt: die Einhaltung von Verwertungsrechten bei der Einbindung externer Inhalte. Es hat den Anschein, als würde dieses Thema immer noch zu wenig Beachtung finden. Manche meinen, die Rechtslage sei hier nicht eindeutig oder zumindest nicht klar genug dokumentiert. Dem ist nicht so. Allerdings fehlen auch konkrete Vorstellungen, wie mit dieser Thematik umgegangen werden kann, so dass sie nicht zum Problem wird. Dieser Beitrag zeigt, wie es mit dem E-Portfolio-Einsatz im Fach „Elektronische Dokumente“ weitergegangen ist.

Wie kam es zu der Abmahnung?

Studierende haben für ihre Wissenscollage über Google-Images ein passendes Bild gesucht, gefunden, in ihre Collage eingefügt und sogar einen Quellennachweis geführt. Allerdings haben sie nicht die Verwertungsrechte geprüft (Verwendung war nur als Pressefoto im Zshg. mit der Nennung des Unternehmens – einer Anwaltskanzlei – erlaubt) und um Erlaubnis für die Verwendung des Bildes gebeten. Aus Unkenntnis der Rechtslage ließen sich die Studierenden damit leichtfertig auf eine tickende Zeitbombe ein. Anders als bei „klassischen“ Delikten wie Körperverletzung ist eine Ahndung des Verstoßes erst nach einiger Zeit lukrativ, denn mit der Dauer der „unrechtmäßigen“ Nutzung steigt auch der einklagbare Geldbetrag. Dem Beklagten wird es auf der anderen Seite aber schwer fallen, dem Kläger eine wissentliche Duldung nachzuweisen.

Im Januar – lange nach dem Ende des aktiven E-Portfolio-Einsatzes – schnappte die Falle dann zu, und zwar in Form einer E-Mail. Das Team von Studierenden wurde „gesamtschuldnerisch“ (wer von der Gruppe als erster reagiert, wird stellvertretend für alle verantwortlich gemacht) als Gruppe von Privatpersonen in die Pflicht genommen, da sie laut Impressum als solche auftraten. Der Hinweis auf den Charakter der Wissenscollage (Gegenstand einer Prüfungsleistung) fehlte dem Impressum. Damit sah sich die Universität nicht mehr in der Pflicht und die Studierenden standen „im Regen“. In dieser Situation wäre es weise gewesen, nicht auf die Mail zu reagieren, denn sie gilt nicht als amtliche Zustellung. Das wusste aber keiner, nicht die betroffenen Studis und auch nicht der Dozent. Vermutlich sinnvoll wäre gewesen, auf die Anschuldigungen nicht weiter einzugehen und statt dessen auf eine Klage vom Gericht zu warten. Das setzt natürlich stahlharte Nerven und vor allem einen kompetenten Fachanwalt voraus – beides sind knappe Güter, vor allem an einer Hochschule.

Wie ging es weiter?

Die Universität hat ein bisschen beraten, aber eine finanzielle Beteiligung ausgeschlossen und auch die Übernahme des Briefverkehrs mit der klagenden Anwaltskanzlei abgelehnt, übrigens anders als bei vergleichbaren Rechtsverstößen seitens der Mitarbeiter und Professoren. Grund: Studierende haben keine dienstrechtliche Unterstellung wie Mitarbeiter und Professoren. Sie agieren damit eigenverantwortlich. Die Studierenden haben diese und Ratschläge von anderen „Erwachsenen“ entgegen genommen, und das beste daraus gemacht. Dennoch lagen die Nerven irgendwann blank, so dass sie sich auf die Zahlung einließen. Das waren zu diesem Zeitpunkt immer noch gut zwei Drittel des anfänglichen, weit über 1000 € liegenden Streitwertes.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Neben der mangelnden Kenntnis der Rechtslage waren vor allem die Inhalte des Impressums ein wesentlicher Punkt in der Entwicklung des ganzen Vorgangs. Es wurde nicht bzw. nicht ausreichend deutlich, dass die beanstandete Veröffentlichung im Rahmen der Lehre und damit letztlich im Auftrag der Hochschule entstanden ist. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Veröffentlichungen an Hochschulen i.d.R. immer durch den Dienstherrn – also den Rektor/Präsidenten – veranlasst werden, weshalb im Impressum von Uni-Veröffentlichungen kein Name von Bediensteten erscheint. Komplex strukturierte Veröffentlichungen, etwa der Webauftritt einer Universität oder eben öffentlich geführte (verpflichtende) E-Portfolios zeigen aber deutlich die Grenzen dieser Regelung auf. Es existiert also dringender Handlungsbedarf hinsichtlich der Neugestaltung der Impressumsregelung im öffentlichen Dienst. Dieser sollte sicher die Stärkung der Eigenverantwortung im Blick haben: nicht nur bei Studenten, sondern auch bei Mitarbeitern und Professoren! Wer den Einsatz von E-Portfolios erwägt, sollte vorher klären, wie sich die Universität zu Impressumsfragen stellt und angesichts der neuen Entwicklungen künftig mit der Impressumspflicht umgeht.

Wie geht man aber mit fahrlässigen – und im Fall von kulanten Unis vielleicht sogar sorglos begangenen – Verstößen gegen das Urheberrecht/Verwertungsrecht um? Keiner wird hier ernsthaft die ohnehin gebeutelten Unis ausnehmen wollen. Andererseits ist es das gute Recht der Urheber, ungewollte Verwertungen ihres geistigen Eigentums zu ahnden. Verlage, die schon seit vielen Jahren mit diesem Problem zu tun haben, setzen hier auf Autorenerklärungen (Genehmigungs- und Freistellungsschreiben). Damit übernehmen die Autoren die Verantwortung für alle Fragen der Berührung von Verwertungsrechten Dritter. Die TU Ilmenau geht nun auch diesen Weg. Öffentlich geführte E-Portfolios werden wie andere veröffentlichte Prüfungsleistungen, z.B. Abschlussarbeiten behandelt. Die Studierenden werden also künftig schriftlich bestätigen, dass alle Fragen zur Verwertung von Inhalten Dritter vom Autor geklärt wurden bzw. sich daraus ergebende (finanzielle) Ansprüche von ihm zu tragen sind. Die andere, unbedingt dazu gehörende Seite der Medaille ist aber eine umfassende Information und Aufklärung. Ob dazu ein weiterer „Mindfuck“ zum Einsatz kommen muss, ist sicher dem Einfallsreichtum des Dozenten überlassen. Mindestens ebenso interessant ist sicher ein Crash-Kurs eines Medienrechts-Experten aus der Praxis.

Da sich die Internet-Gemeinde in nicht unerheblichem Maße über die „Kompetenz zur Selbstregulierung und Selbstorganisation“ definiert, sollten auch derlei Konsequenzen bedacht werden. Man muss das Internet nicht „tot regulieren“ und kann es nach derzeitigem technischen Stand auch nicht, weil man schon jetzt kaum in der Lage ist, das geltende Recht (mit notwendigerweise technischen Mitteln) durchzusetzen. Welche Aspekte mit digitalen Medien vermittelter Kommunikation künftig gesellschaftlich akzeptiert werden, handeln wir heutzutage aus, jeden Tag, mit jedem (Blog-)Post, mit jedem Tweet. Es ist daher entscheidend, über diese Belange zu diskutieren, überall und immer, besonders auch in Kleingruppen und schon mit den Schülern – am besten im Chat, an dem auch der Lehrer teilnehmen kann, ohne sich in die Rolle der schulischen Autorität gedrängt zu fühlen. Das Projekt „Clever im Web“ der Sicherwisser geht genau in diese Richtung. Das finde ich gut. Genau wie den sich hoffentlich entspannenden Diskurs auf educamp.mixxt.de.

Wo kann ich mich selbst schlau machen?

Vor allem der erste Link ist für den E-Portfolio-Alltag hilfreich. Er liefert eine tabellarische Übersicht, die ganz klipp und klar (mittels „Ja“ und „Nein“) darstellt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Nicht erlaubt heißt dabei nicht automatisch, dass es verboten ist. Vielmehr sind die mit „Nein“ markierten Punkte jene, wo Fallstricke lauern und daher einer Klärung vor dem (öffentlichen) Einsatz von E-Portfolios bedürfen. Der zweite Link verweist auf ein umfassendes Werk, das eher als Hintergrundlektüre geeignet ist.


5 Responses to “Urheberrecht und E-Portfolios in der Lehre: ein Fallbeispiel”

  1.   ElDok-Blog » Blog Archive » Urheberrecht und E-Portfolios in der Lehre: ein Fallbeispiel Says:

    […] wie mit dieser Thematik umgegangen werden kann, so dass sie nicht zum Problem wird. Der Beitrag Urheberrecht und E-Portfolios in der Lehre: ein Fallbeispiel zeigt, wie es mit dem E-Portfolio-Einsatz im Fach “Elektronische Dokumente” weiter […]

  2.   Originale setzen Zeichen Says:

    10.000 Euro für ein Bild…

    Internetnutzer gibt es viele. Und obwohl es auch genug Ge ……

  3.   Uni-Blog » Spiesser schützen ihre Werke Says:

    […] uns bereits im ersten Semester in der Vorlesung erzählt, aber genaueres lässt sich noch einmal hier […]

  4.   Be ambitious! » Impressumspflicht, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und die einhaltung von Verwertungsrechten – Entwurf der Terms of Service für die Blog-Farm der TU Ilmenau Says:

    […] der Einhaltung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Nicht minder wichtig ist aber die Einhaltung von Urheber- und Verwertungsrechten Dritter, insbesondere deshalb, weil ein fahrlässig oder leichtfertig begangener Verstoß rasch zu […]

  5.   Urheberrecht | Knowledge Sharing Management Says:

    […] Kreuzbergers Blog – hier klicken – Urheberrecht und E-Portfolios in der Lehr: ein […]

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