Ja, inzwischen weiss es jeder: der Thüringer Verbundantrag im Wettbewerb „Exzellenz in der Lehre“ gehört nicht zu den Preisträgern. Das ist natürlich ärgerlich und so kann man diesen Beitrag als lächerliches Geheule eines eingeschnappten Antragstellers lesen. Vielleicht schafft es dieser Beitrag aber auch, einen alternativen Ansatz zu skizzieren, einen der den Autor in zukünftigen Verfahren nicht bevorzugt, sondern zumindest ein anderes Verständnis von Fairness propagiert. Es geht also darum, die durch das eigene Scheitern freigesetzten emotionalen Kräfte für das Voranschreiten zu nutzen und nicht zum Ertrinken in Selbstmitleid und Neid.

Der Thüringer Verbundantrag

Vier Thüringer Hochschulen, die sich in der Interessengemeinschaft Kindermedien zusammengetan haben, bewarben sich im Wettbewerb „Exzellenz in der Lehre“ mit der Idee eines Themenfokussierten Lehrverbundes in der Region. Themenfokussiert, weil sich kollaboratives Arbeiten immer mehr von „communities of law“ zu „communities of practice“ wandelt. Es sind immer häufiger die Themen, die uns in Online-Communities verbinden und nicht die organisationalen Bande. Weshalb sollte das ausgerechnet an Hochschulen anders sein? Außerdem wäre das ein Ansatz, um schneller als bisher neu aufkommende Themen von gesellschaftlicher Bedeutung curricular zu besetzen.  Lehrverbund in der Region, weil wir eine Vision für profilierte Hochschulen haben, die es sich angesichts ihrer Größe (<10.000 Studierende) gar nicht leisten können, den Fächerkanon einer Volluniversität oder die Vielgestaltigkeit von Berufsfeldern wie dem Medien- und Kommunikationsbereich komplett abzubilden. Sie haben die Wahl, mit ihren Absolventen spezielle Nischen des Arbeitsmarktes zu besetzen oder eben Allianzen mit anderen Partnern einzugehen, bei denen aber allzu häufig die eigentliche Kernzielgruppe der Studierenden unter die Räder gerät. Das Credo der am Verbundantrag beteiligten Thüringer Hochschulen war da ganz klar: „Das MUSS anders gehen!“ Und zwar durch

  • ganzheitliche Bildung und Betreuung
  • stärkere Orientierung auf die Schnittstellen Bachelor-Master und Hochschule-Beruf
  • übergreifendes Qualitätsmanagement, z.B. durch gemeinsame Betreuungsstandards

Im Lehrverbund sollen sich diese Aspekte zunächst in 8 didaktischen Prinzipien widerspiegeln. Zudem sollten exzellente Studienangebote mit ihrem modularen Angebot von drei Motiven bestimmt werden:

  1. Die Möglichkeit zum „Blick über den Tellerrand“, verbunden mit der Erwartung, das Gelernte als Tutorin oder Tutor unverzüglich weiterzugeben.
  2. Die Explikation beruflicher Perspektiven in Form einer „Erdung akademischen Wissens“ durch Problemstellungen aus der Praxis
  3. Die Stärkung selbstorganisierten Lernens

Im Schaubild sieht der Kern des Lehrverbundes dann so aus:

Themenfokussierter-Lehrverbund-in-der-Region

Einzelheiten zu den einzelnen Prinzipien sowie zu den Modulen kann der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin gern im Kommentar erfragen.

Die Anhörung der Bewerber

Allein mit dem Verbundantrag waren wir ja schon eine Sondererscheinung im Präsentationsreigen. Und dann erst in der abschließenden Anhörung: wieder so ein typischer Vortrag der „…Medienleute…“. Selbst verzweifeltes Fuchteln mit den Händen konnte sie nicht davon abhalten, den Vortrag ohne Mikrofon zu starken. Statt dessen wurden alle Gutachter um Vertrauen gebeten.

War das vielleicht der entscheidende Fehler: um Vertrauen zu bitten? Wer weiss! Die Nachfragen beschäftigten sich jedenfalls immer wieder mit dem Mehrwert des Verbundes. Wieso bauen die Hochschulen ihre eigenen Standorte nicht aus, sondern wollen 1 Million Euro in einen ambitionierten Lehrverbund investieren? Z.B. weil Absolventen mit einem breiteren Erkenntnishorizont besser am Arbeitsmarkt agieren können. Z.B. weil man mit 1 Million Euro etwas bewegen kann, was man anderweitig nie hinbekommen würde, einfach deshalb, weil keine der beteiligten Hochschulen jemals die Chance bekäme, die eigene Hochschule breiter aufzustellen – eben auch des lieben Geldes wegen: mehrere Zig-Millionen wären da sicher einzuplanen, wenn sich die Universität Erfurt plötzlich eine Medieninformatik leisten oder die TU Ilmenau ein Kompetenzzentrum Technik-/Mediengestaltung etablieren würde. Offenbar kam es hier zu einen grundlegenden Missverständnis zwischen Bewerber und Gutachter-Kommission in Bezug auf die Lebenswirklichkeit des universitären Alltags an profilierten Hochschulen in der Provinz. (Man entschuldige mir dieses wertende Wort. Es richtet sich nicht gegen „kleine Hochschulen“, sondern gegen die Überheblichkeit der so genanten Leuchttürme in unserer akademischen Hochschullandschaft.) Für alle Mitantragsteller ist es schlicht unvorstellbar, ernsthaft die umfassende Aufrüstung der bestehenden Thüringer Hochschullandschaft, verbunden mit einer enormen Ressourcenduplizierung, zu postulieren. Die Gutachter-Kommission war dagegen sehr angetan von dem Ansatz der TU München, die es Studierenden ermöglicht, künftige Lehrstuhlinhaber an ihren bisherigen Wirkungsstätten zu besuchen und vor Ort hinsichtlich ihrer hochschuldidaktischen Eignung zu prüfen, selbst wenn dieser Ort in Valenzia, Italien liegt, wie die Studentin der Münchner Delegation freimütig erzählte. Obwohl die Idee der Vor-Ort-Begutachtung künftiger Lehrstuhlinhaber durchaus ihren Charme besitzt, halte ich sie für nicht unproblematisch. In Thüringen würde man uns dafür wohl „Verschwendung von Steuergeldern“ vorhalten.

Glücklicherweise gab es ja noch andere Vorträge, denen man wirklich Impulse für exzellente Lehre entnehmen konnte. meine Favoriten waren da die Uni Bielefeld mit einem sehr überzeugenden Konzept für ein Tutoren-Netzwerk und die Uni Kaiserslautern mit der Praxis eines sehr offenen und sachlichen Umgangs mit Lehrevaluationsergebnissen. Beide Unis sind zurecht Preisträger im Wettbewerb um die besten Ideen in der Hochschullehre geworden. Ihnen gebürt Respekt.

Die Auszeichnung der TU München und der RWTH Aachen sehe ich äußerst zwiespältig. Ihnen gebürt bestenfalls der Respekt der Platzhirsche. Natürlich haben auch sie gute und interessante Ansätze, etwa die Idee eines „Lehrfreisemesters“. Aber angesichts einer Absolventenquote von z.T. weit unter 50%! und den enormen Ressourcen dieser Hochschulen klingen die betreffenden – nun prämierten – Konzepte doch eher fade. Für jemanden, der sich täglich mit der Frage auseinandersetzen muss, welche Ressourcen er überhaupt für seine Lehre zur Verfügung hat, wirkt das wenig motivierend.

Ein neuer Maßstab für die Beurteilung von Exzellenz!

„Treffen sich zwei Leute im Obstgarten. Nach den süßen Früchten in den Wipfeln wollen sie greifen. Der eine ist ein wahrer Hüne, ein Leuchtturm unter den Menschen. Vollgefressen streift er behäbig durch den Garten und pflügt mit seinen mächtigen Armen die Baumkronen. Der andere ist klein und schmächtig. Hunger und Not haben ihn erfinderisch gemacht. Unermüdlich erklimmt er einen Baum nach dem anderen und greift mit einem Stock nach den Früchten hoch oben. Wer von beiden wird wohl die Früchte vom nächsten Baum ernten können?“

Wird nun auch die Hochschullandschaft zur Zweiklassengesellschaft? Werden Leuchttürme künftig nicht mehr dort gebaut, wo die Ideen am hellsten leuchten und besonders weit tragen, sondern dort, wo der raue Wind des Wettbewerbs Dünen und Verwehungen aufgeworfen hat? Fast scheint es mir, als würde mehr und mehr die Größe der Bewerber über den Erfolg ihrer Vorhaben entscheiden. Ist es mit der Wissenschaft also wie mit der Kernspaltung? Brauchen wir für den Blitz nur die nötige kritische Masse? Mein Gerechtigkeitsempfinden begehrt dagegen auf. An anderer Stelle bekommen wir auch Lösungen, die von allen als fairer angesehen werden.

Modell 1 – Die Hochschulbundesliga

„Dem langjährigen Bundesliga-Spitzenreiter aus Bayern ist es auch in diesem Jahr gelungen, einen hervorragenden Kader von Fördermittelstürmern und Mittelfeld-Dozierenden zusammenzustellen. Seinen Nachwuchs schickt er auch in diesem Jahr zum „Freundschaftsspiel“ an die Mittelmeerküste, stets auf der Suche nach neuen Spielern. Der Einkauf der exzellenten Spieler macht den Einzug ins Finale viel wahrscheinlicher, kostet aber auch erhebliche Ablösesummen. Das macht den Ausgang der Bundesliga-Saison zwar einigermaßen vorhersagbar, sichert aber auch das Überleben der vielen kleinen Vereine und sorgt so bisweilen für einige Überraschungen.“

Modell 2 – Chancengleichheit

„In der Klasse der deutschen Hochschulen ist die Position des Klassensprechers neu zu besetzen. In der Ausschreibung heißt es dazu: » … Angestrebt wird eine ausgewogene Interessenvertretung. Bei gleicher Eignung werden deshalb infrastrukturell schlechter gestellte Hochschulen bevorzugt.« Im Wettbewerb zwischen einem Kandidaten aus gutem Hause und einem aus eher einfachen Verhältnissen wird letzterem der Vorzug gegeben, wenn er sich nach Abwägung der Voraussetzungen für sein Leistungsvermögens als geeignet herausstellt.“



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