Unlängst habe ich meinen ersten Eindruck von der Abschlussveranstaltung des Wettbewerb “Exzellenz in der Lehre” geschildert und dabei auch die Thüringer Einreichung vorgestellt. Nun endlich möchte ich den zweiten Teil nachreichen und meine persönlichen Favoriten vorstellen. Es geht also um die Konzepte aller anderen Standorte und nicht erneut um den Thüringer Entwurf für exzellente Lehre. Im Vergleich der beiden Beiträge mag sich der geneigte Leser dann selbst ein Bild davon machen, wo wir in Thüringen in puncto Lehrexzellenz stehen, wenn man bedenkt, dass alle Bestandteile unseres Konzept im Einzelnen eingesetzt werden und lediglich ihr Verbund aussteht.

Für die Vorstellung mehrerer Lehrkonzepte wäre es schön, eine Systematisierung zu haben. Glücklicherweise setzen meine Favoriten der Ideen für mehr Exzellenz in der Lehre an verschiedenen Punkten an. Es gibt lernerzentrierte Ansätze, die eher die Studierenden im Blick haben, ihre individuellen Bedürfnisse und Kompetenzprofile sowie den partnerschaftlichenUmgang miteinander. Besonders positiv aufgefallen sind mir die Konzeptionen der Universitäten Kaiserslautern, Bielefeld und Göttingen. Dann gibt es lehrerzentrierte Ansätze, die  auf der Ebene der Dozierenden ansetzen und deren Lehrkompetenz im Fokus haben. Interessanterweise wurden diese Ansätze von den „reichen“ Hochschulen RWTH Aachen und TU München eingebracht. Eine dritte Gruppe bilden die fachzentrierten Ansätze, die neue (zeitgemäße?!) Lehr- und Lernformen in den Mittelpunkt stellen. Hier haben besonders das Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf und die Uni Darmstadt überzeugt. Schließlich gibt es auch auf die Infrastruktur abzielende Ansätze. Genau, dabei geht es um IT-unterstütztes Lernen. Prominentester Vertreter ist hier die Uni Bremen.

Die besten Ansätze für mehr Sonne in Studium und Lehre

Lernerzentrierte Ansätze

Die Uni Bielefeld hat das Konzept des Peer Learning bzw. Peer Tutoring genannt. Sie haben ein Tutoren-Netzwerk etabliert, mit dem Lehrveranstaltungen durchgehend unterstützt und individuelle Leistungsunterschiede sehr präzise ausgeglichen werden können – mit Hilfe des riesigen Potenzials der Peers, also der Mitstudierenden. Natürlich klappt das nicht ohne Unterstützung. Eine didaktische Ausbildung der Tutorinnen und Tutoren gehört ebenso dazu wie der Erfahrungsaustausch in Tutoren-Konferenzen. Als ich das hörte, fielen mir sofort die Educamps meiner Kollegen ein. Warum sollte es nicht ein Tutorencamp geben?

Einen ähnlichen Weg beschreitet die Uni Kaiserslautern und wirft Vorlesungs-Podcasts mit Untertiteln als Perle in den Ring. Wieso steht das nicht bei IT-Infrastruktur-Ansätzen? Ganz einfach, weil es weniger um die Aufzeichnung der Vorlesungen, als vielmehr um die Arbeit mit ihnen geht. Die Uni KL hat sich in den letzten Jahren als Hochschulstandort für ausländische Studierende vor allem aus Afrika spezialisiert. Die Vermittlung von Wissen wird hier durch die Sprachbarriere zusätzlich erschwert. Deshalb stellen sie Vorlesungsvideos mit Untertiteln bereit, welche von den Peers erstellt werden. Das  erworbene Wissen wird so noch einmal reflektiert. Und der so annotierte Vorlesungspodcast hilft den neuen Studierenden, einen Bezug zwischen den fremdsprachlichen Fachbegriffen und den Begriffen in ihrer Muttersprache herstellen können. So wünscht man sich die Integration der ausländischen Mitstudierenden. Gleichzeitig ist es ein Musterbeispiel für den Mehrwert, den man mit einer Mediatisierung von Lehrveranstaltungen immer anstreben sollte.

Die Uni Göttingen präsentierte sich ihrem Verständnis als Forschungsuniversität entsprechend mit einem Konzept zu individueller Profilierung. Studierende (höherer Semester) können sich in selbstorganisierten und mentoriell betreuten Forschungsvorhaben profilieren. Das ist sicher ein lohnenswerter Ansatz für die Förderung der Spitze einer jeden Matrikel. Zugleich dürfte dieses Unterfangen vergleichsweise ressourcenaufwändig sein und damit für kleine Universitäten schwer zu bewältigen.

Lehrerzentrierte Ansätze

Es wurde schon deutlich: die Ansätze dieser Kategorie wurden von den „Platzhirschen“ vorgestellt. Man hatte den Eindruck, dass hier Vertreter klassischer Ordinarien-Universitäten über mehr Exzellenz in der Lehre nachgedacht und dabei bis zum eigenen Rockzipfel gedacht haben. Doch genug der Seitenhiebe.

Die TU München warb für ein Lehrfreisemester. Es soll genauso funktionieren wie das Forschungsfreisemester, nur eben für die Organisation exzellenter Lehre reserviert sein: Der Professor schreibt im Lehrfreisemester ein neues Lehrbuch und lehrt anschließend danach. In der Idee nicht schlecht. Hört sich ein wenig nach dem Perpetuum Mobile wissenschaftlicher Reputation an. In der Praxis heißt das aber auch, dass die Studierenden ihren Professor ein weiteres Semester nicht sehen. Man kann das Lehrfreisemester also gut finden, muss es aber nicht. Uneingeschränkt sinnvoll erscheinen mir hingegen Lehrfreisemester für Lehrkräfte für besondere Aufgaben bzw. für so genannte Lehrprofessuren, also all jene, für die das Lehren zur Profession geworden ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dieser Personenkreis so oft in Lehrveranstaltungen steht, dass er gar nicht dazu kommt, die Lehre dem aktuellen Erkenntnisstand anzupassen. Und spätestens da wird diese Idee zu einer politischen Frage, die letztlich im Landtag verhandelt wird und nicht dort, wo es benötigt wird.

Die RWTH Aachen brachte in den Wettstreit der Ideen ihre „Exploratory Teaching Spaces“,  also Freiräume für das Ausprobieren neuer Lehr- und Lernformen. Die Idee ist nicht schlecht. Zu fragen ist nur, wie es mit der Evaluation, der Sicherung der Nachhaltigkeit sowie der Übertragbarkeit der innovativen Ideen aus den Exploratory Teaching Spaces aussieht? Werden die betreffenden Dozierenden darüber publizieren? Bekommen sie eine entsprechende Evaluationsinfrastruktur zur Seite gestellt? Man müsste das im Detail herausbekommen. Sinnvoll ist es sicher, eine solche Idee auch mit Ansätzen zum Dozierenden-Coaching zu kombinieren. Daraus ergäbe sich dann meines Erachtens eine hervorragende Vision für das Ilmenauer Kompetenzzentrum E-Learning-Dienste (KeLD) dar.

Fachorientierte Ansätze

Für viel Aufmerksamkeit sorgte die Konzeption des Uni-Klinikums Hamburg-Eppendorf. Für die Mediziner-Ausbildung haben sie die bewusste tiefgreifende Verzahnung von Theorie und Praxis vorgestellt. Die Studierenden lernen von vornherein ausgehend vom praktischen Anwendungsfall. Wozu muss man erst drei Semester Latein-Vokabeln pauken, wenn man gleich mit den praktizierenden Medizinern in Kontakt kommen kann und am eigenen Leib erfährt, dass die lateinischen Fachbegriffe als Teil der Fachsprache unverzichtbar sind. Eine solche Studienorganisation bietet sicher auch hervorragende Anknüpfungspunkte für ein epochal organisiertes Studium: in einem Semester „alles vom Kopf“ im Kopf zu haben scheint verlockend. Fragt sich nur, ob dieser Ansatz ohne weiteres auf jede andere Studienrichtung übertragen werden kann. Für einige Studienrichtungen, etwa für Ingenieurstudiengänge kann man das sicher festhalten. Für Medienstudiengänge vielleicht auch. Für Jura-Studiengänge? Womöglich.

Sehr interessiert aufgenommen wurden von den Anwesenden die interdisziplinären Projektkurse der Uni Darmstadt. In diesen Kursen wird Ingenieurwissen aus dem Anwendungskontext heraus und unter der Maßgabe der Einsatzfähigkeit erworben. Die Vorbereitung solcher Kurse ist sicher aufwändig, die Dankbarkeit der Studierenden entschädigt dafür umso mehr. Zumindest ist das so bei den Praxiswerkstätten in unserem Ilmenauer Studiengang Angewandte Medienwissenschaft. Klar ist aber auch, dass solche interdisziplinären Kurse kein Alibi für schlechte Lehre sein dürfen. sie funktionieren nur dann, wenn alle beteiligten zumindest ein gewisses Grundverständnis ihrer spezifischen Fachdisziplin erworben haben, d.h. zur Kommunikation mit ihresgleichen in der Lage sind. Dann haben sie die Voraussetzungen, um sich im Sprachgewirr der Interdisziplinarität einen Weg zu bahnen.

Infrastrukturelle Ansätze

Tja, die Uni Bremen. Sie hat wirklich ein wahres Feuerwerk dessen, was heute an IT-Unterstützung in Studium und Lehre möglich ist, entfacht. Mobiles Lernen, alle Vorlesungen aufgezeichnet und jederzeit als Podcast abrufbar. Tolle Vorstellung: der Studierende muss gar nicht mehr aus dem Bett und braucht eigentlich nur noch einen Internet-Anschluss. Dann kann er auch den Kaffee-Filter durch den Trichter ersetzen – den Nürnberger Trichter. Es wird schon deutlich: ich finde diese Ideen wenig hilfreich, denn ein entscheidender Aspekt fehlte mir in der ganzen Konzeption. Was ist der Mehrwert? Muss ich Vorlesungen streamen, nur weil es modern ist? Muss ich bloggen, weil E-Mail heutzutage uncool ist? Muss ich alle Klausuren künftig vor dem Rechner sitzend schreiben, damit die Klausur schnell kontrolliert ist und der Dozierende sich nicht mehr damit belasten muss, die textgewordene Unverstandenheit seiner Ausführungen wieder und wieder zu lesen? Vorlesungspodcast um ihrer selbst willen leuchten mir nicht ein. Vorlesungspodcasts mit Untertitel nach dem Vorbild der Uni KL schon. Oder Educasts, bei denen Expertinnen und Experten in Lehrveranstaltungen zu Wort kommen, die man – sei es aus Kosten- oder Zeitgründen – unmöglich in die Lehrveranstaltung holen kann. Auch eAssessment leuchtet mir ein, aber nicht in Form eines turnhallengroßen mit Rechnern vollgestopften Raumes. IT-unterstütztes Lernen schafft eine neue Möglichkeit für reflektiertes Lernen, indem die Studierenden e-Portfolios führen und sich gegenseitig bewerten. IT-unterstütztes Peer-Assessment ist die Losung der Stunde! Was mir bei der Bremer Konzeption fehlte, war die Menschlichkeit. Es geht doch um uns – uns als Studierende und uns als Dozierende. IT ist nur das Werkzeug oder in absehbarer Zeit unser Assistent, aber niemals der Selbstzweck, dem sich der Mensch unterzuordnen hat.



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