Im Rahmen des Seminars ‚“Digitale Kommunikation“ befassen sich derzeit wieder zahlreiche Studierende mit Fallstudien zu den Bedingungen und Einflüssen des Einsatzes digitaler Kommunikationswerkzeuge in Kommunikationsprozessen. Einige Studierende haben sich entschlossen, im Rahmen ihrer Fallstudien kleine Experten-Interviews zu führen. Aber wie ist zu verfahren, wenn sich die Interviewpartner plötzlich gegen die Veröffentlichung der Interview-Abschrift als Artefakt des zu erstellenden E-Portfolios aussprechen? Hat das negative Auswirkungen auf die Bewertung?

Einen sensiblen Umgang mit Erkenntnissen aus Untersuchungen halte ich für unverzichtbar, wenn man sich zu korrektem wissenschaftlichen Arbeiten bekennt. Will man beispielsweise Interviews mit Probanden auszugsweise oder vollständig veröffentlichen, sollte man unbedingt die befragten Personen um ihr Einverständnis bitten. Das ergibt sich allein schon aus dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, das im Sinne eines allgemeinen Persönlichkeitsrechtes auch im Grundgesetz verbrieft ist. Ganz in diesem Sinne kann man auch die gute journalistische Praxis verstehen, interviewartige Einlassungen vor der Veröffentlichung autorisieren zu lassen. Nur wer sich daran hält, kann sich des Vorwurfs erwehren, andere Personen an den „Medien-Pranger“ bzw. – im Fall der internetbasierten Kommunikation – an den „Internet-Pranger“ zu stellen.

In Lehrveranstaltungen, wo Studierende das korrekte wissenschaftliche Arbeiten ja erst erlernen, sollte mit dieser Angelegenheit konstruktiv umgegangen werden. Unsicheres Verhalten, ebenso wie fehlerhaftes oder übervorsichtiges Verhalten sollte offen angesprochen und im Sinne des Lernprozesses genutzt werden. Gleichwohl sollte – etwa durch ein angepasstes Bewertungsschema – aber auch deutlich werden, wo die Grenze guter wissenschaftlicher bzw. journalistischer Praxis zu ziehen ist. Dementsprechend würden Studierende im Rahmen des Seminars „Digitale Kommunikation“ Punktabzug erhalten, wenn sie die Verwertungswünsche der zitierten Dritten missachten.

Für alle interessierten Leser hier noch der Auszug aus einem Chat, der den Anlass für diesen Beitrag gab (alles soweit anonymisiert, dass der betreffende Personenkreis in seinem Ansehen nicht beschädigt wird). Wie man sieht, geht es auch um ganz praktische Fragen der E-Portfolio-Arbeit und des selbstbestimmten Lernens auf Basis von Lerntagebüchern.

[04.12.13 13:41:20] Studentin: Hallo Herr Kreuzberger, haben Sie einen Moment Zeit? 

[04.12.13 13:56:18] Gunther Kreuzberger: Mmh, ja. aber nur ganz kurz. 

[04.12.13 14:01:00] Studentin: Vergangene Woche habe ich ein telefonisches interview mit der Leiterin von 
... [Auslassung zwecks Anonymisierung] geführt. Ich rief sie an, da ich auf meine Anfrage per Email keine Antwort
erhalten hatte ... [Auslassung zwecks Anonymisierung]. Sie erkannte sofort meinen Namen und meinte, ich sollte 
meine Fragen schnell am Telefon stellen, sie habe nur kurz Zeit. Nachdem sie mich erkannte, war ich 
(wie sich herausstellte fälschlicherweise) in der Annahme, dass sie weiß, worum sich das Gespräch dreht.
 
[04.12.13 14:01:34] Studentin: Nunja, letztendlich habe ich meinen nächsten Bericht angefertigt...ihr ihn 
zum Gegenlesen geschickt und sie ist mit der Veröffentlichung nicht einverstanden. 

[04.12.13 14:02:18] Studentin: Eigentlich wollte ich ihr die Fragen zuschicken, doch nachdem sie meinte, 
sie habe jetzt kurz Zeit, entschied ich mich spontan für das Telefonat und der Schuss ging nach hinten los. 

[04.12.13 14:02:52] Gunther Kreuzberger: Ja. 

[04.12.13 14:02:54] Studentin: Ich sehe meinen Fehler, dass ich mich noch einmal vollständig hätte 
vorstellen müssen, doch das tat ich im Eifer des Gefechts nicht :( 

[04.12.13 14:03:06] Gunther Kreuzberger: Das passiert. 

[04.12.13 14:03:34] Studentin: von den anderen ... [ ... Organisationen ..., Änderung zwecks Anonymisierung] 
habe ich auch keien Antwort erhalten, soeben habe ich erneut eine Anfrage geschickt, den Fragebogen schon 
angefügt und sie (wo möglich) auch im Facebook kontaktiert. 

[04.12.13 14:04:16] Studentin: Mein Chef hier ... [Auslassung zwecks Anonymisierung] freut sich bereits 
auf unser Interview ... [Auslassung zwecks Anonymisierung], von daher ist der Hauptteil meiner Arbeit 
nicht verloren. 

[04.12.13 14:04:32] Studentin: Haben Sie noch einen Ratschlag, falls sich die Anfragen der ... 
[... anderen Organisationen ..., Änderung zwecks Anonymisierung] im Sand verlaufen? 

[04.12.13 14:05:17] Studentin: und könnte ich auch (entgegen meiner Gliederung) , falls sich die Befragung 
mit den ... [... anderen Organisationen ..., Änderung zwecks Anonymisierung] zieht, zuerst über 
... [... die Organisation hier ..., Änderung zwecks Anonymisierung] berichten, damit ca. wöchentlich 
Artikel veröffentlicht werden? 

[04.12.13 14:06:42] Gunther Kreuzberger: Denken Sie daran, dass Sie ein Lerntagebuch führen. 
Da geht es also nicht um eine kausal korrekte Beitragsabfolge, sondern eher um die Entwicklung d
es Lernprozesses. Wenn ... [... Ihre Organisation ..., Änderung zwecks Anonymisierung] eher 
abgeschlossen ist, dann ist das eben so. 

[04.12.13 14:08:12] Gunther Kreuzberger: Im konkreten Fall finde ich es nicht schlimm, wenn 
ein Interview-Transkript nicht öffentlich verwertet werden darf. Die Frage ist eher, ob Sie auf Basis 
der vorliegenden Befunde weiterarbeiten und Schlussfolgerung ziehen können. Fühlte sich die Dame 
von ... [Auslassung zwecks Anonymisierung] falsch verstanden? Hat sie ggf. das Transkript korrigiert 
oder würde es noch tun? 

[04.12.13 14:08:55] Gunther Kreuzberger: Auf jeden Fall sollten Sie das Transkript unseres Chats 
im Lerntagebuch verarbeiten, denn das, was Sie geschrieben haben ist 1a-Reflexion. 

[04.12.13 14:09:55] Studentin: Sie möchte mit der Arbeit nichts mehr zu tun haben und möchte ebenfalls 
nicht, dass etwas publiziert wird davon. 

[04.12.13 14:10:05] Studentin: Ich soll unser Chat-Gespräch veröffentlichen? 

[04.12.13 14:10:54] Gunther Kreuzberger: "soll" ist der falsche Ausdruck. Sie können, wenn Sie wollen. 
Unser Chat ist Teil Ihres Lernprozesses. Sie sollten also darüber reflektieren. 

[04.12.13 14:11:46] Gunther Kreuzberger: ... als Teil des Lernprozesses. Ob das Reflektieren darüber 
die Offenlegung des Chat-Protokolls einschließt, ist Ihre Sache. Mein OK dazu haben Sie aber. 

[04.12.13 14:12:42] Studentin: ok vielen Dank, jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen, denn 
vergangene Woche habe ich mich nur diesem Artikel gewidmet, der jetzt im Sand verlaufen ist. 

[04.12.13 14:13:47] Gunther Kreuzberger: Wenn ... [... die andere Organisation ..., Änderung zwecks Anonymisierung]
 so radikal reagiert, sollten Sie ggf. diesen Punkt isoliert betrachten und noch einmal analysieren. 
Wieso haben die sich so plötzlich zurückgezogen? Was ist schief gelaufen? 
Was lernt man daraus über ... [Auslassung zwecks Anonymisierung]?


One Response to “Angewandte informationelle Selbstbestimmung”

  1.   Weitere Lappalien und Erkenntnisse! | Interne Unternehmenskommunikation von Rundfunkanstalten Says:

    […] hat selbst noch einen Blogeintrag anlässlich dieses Vorkommnisses verfasst, den ich mich euch hier teilen […]

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