Dez 232014
 

Die Rennspiel-Hoffnung 2014 lebt?

Anhänger des Bleifußordens bekommen seit geraumer Zeit nur noch ein sehr mageres Gemisch an Renntiteln auf dem Spielemarkt geboten. Immer mehr Releases sowohl von großen wie auch kleinen Studios versagen schon auf den ersten Metern und werden ihrem Anspruch nicht gerecht. Da mit Project Cars nun auch noch der größte Hoffnungsträger im Genre auf das nächste Jahr verschoben wurde, leiden Rennspielfans fast schon an Mangelernährung. Logischerweise fieberten viele dem zweiten Tag im Dezember entgegen um sich dann endlich wieder hinter das virtuelle Lenkrad klemmen und „Vollstoff“ geben zu können. Dabei versprach Ubisoft im Vorfeld eine riesige, frei erkundbare Welt in Verbindung mit einem tollen Onlineerlebnis und natürlich fantastischer Grafik. Heute wird The Crew mal sinnbildlich auf die Hebebühne gefahren und dem Titel unter die Haube geschaut.

Alex Taylor, der Hauptcharakter

 

Ein Hipster-Knasti als Hauptcharakter? 

Name: Alex Taylor. Markante Merkmale: Vollbart. Brillenträger. Der Protagonist mutet ein wenig wie einer dieser mittlerweile allgegenwärtigen Hipster-Typen an, die mancher vielleicht in der Realität wie auch im Spiel eher meidet als sie spielen zu wollen. Noch mehr irritiert der Look, sobald man erfährt, dass Alex ein Knastfreigänger mit einer heiklen Aufgabe ist. Denn Alex´ Inhaftierung kommt irrtümlicherweise zustande, als sein Bruder Dayton , der Anführer einer berüchtigten Autogang, den 5-10´s, ist, von einem Mitglied dieser erschossen wird und er (Alex) dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Als das FBI fünf Jahre späterden mutmaßlich korrupten Officer Coburn überführen will, bietet es in Person der Agentin Zoe Alex einen Deal an. Er soll die 5-10´s infiltrieren und Coburn an ausliefern. Im Gegenzug wird ihm durch den Auftrag die Möglichkeit geboten Rache an Shiv, dem Mörder seines Bruder und aktuellen Oberhaupt der illegalen Raser, zu nehmen. Zoe unterstützt ihn dabei mit Informationen über die handelden Personen, was nach und nach eine für ein Rennspiel überraschend dicht gestrickte Handlung aufbaut. Erzählt wird abwechselnd durch kleine Zwischensequenzen und Dialoge während der Fahrt, wobei ich hier die englische Originalsprachausgabe mit deutschen Untertiteln bevorzugt habe und daher zur deutschen Umsetzung wenig sagen kann.

 

Rennvielfalt mit „Kaugummi-Gegnern“

Um loslegen zu können bekommt man anfangs ein festes Budget und die Auswahl zwischen mehreren bereits ordentlich motorisierten Wagen, wie etwa einem Dodge Charger, einem Ford Mustang oder einem Nissan 370Z. Die unterschiedlichen Wagen besitzen dabei auch ihre typischen, eigenen Stärken. So ist der 370Z ein spaßig zu fahrendes Driftinstrument, während die amerikanischen Fabrikate auf der Geraden brachial nach vorne gehen, aber vor der Kurve rechtzeitig eingefangen werden wollen. Dabei möchte The Crew aber zu keiner Zeit den Anspruch auf ein Fahrverhalten auf Simulationsniveau erheben. Das wäre auch schlichtweg vermessen, denn die Wagen könnten sich arcadiger nicht steuern lassen. Trotzdem sind Unterschiede zwischen den Modellen deutlich auszumachen. Dieser verdeutlicht sich noch einmal, wenn es ins Gelände geht. Ja, hier wird auch abseits des Straßennetzes aufs Pedal gestiegen, was die Vielfalt und den Umfang noch einmal erhöht. Allgemein gibt es in The Crew viel zu erleben und zu machen. Man kann einfach die Storymissionen verfolgen, welche sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Städte ziehen oder sich ein paar, der auf den Pisten verteilten, Herausforderungen, wie etwa Sprint- oder Sprungevents oder auch Verfolgungsrennen mit der Polizei, widmen.

Man würde des Rasens über asphaltiertes Terrain, wie auch über Stock und Stein, nicht müde, wäre da nicht die teils zu deutlich hervortretende Gummiband-KI, mit denen schon so viele Racer zu kämpfen hatten. Denn fährt man wie an der Schnur gezogen oder eher wie ein geistesgestörter Amokfahrer macht keinen zu großen Unterschied. Das Fahrerfeld bleibt irgendwie immer zusammen, egal ob man zwischendurch dem Rennfahrer in sich freien Lauf lässt oder eine Kuhweide ihres Zaunes beraubt. Irgendwann muss das doch mal besser werden…

Zumal man doch sehr gerne durch die wunderschön abwechslungsreichen Landschaftsabschnitte der USA brettert und dabei immer wieder was Neues entdeckt. Gelegentlich auch Radarstationen, die einem den Überblick auf der monströsen Karte erleichtern, oder Autoteile, welche zu Geheimen Wagen zusammengebaut werden.

Ingame-Grafik und kein gerendertes Wallpaper

 

Oh, was für ein Anblick! (mit Schönheitsfehlern)

Während man dann so den Blick in die Landschaft schweifen lässt, kann es dabei auch schon mal vorkommen, dass man ein Hindernis übersieht und das Schmuckstück auf vier Rädern dabei Blessuren davonträgt. Das Schadensmodell, das zwar ganz hübsch bzw. eben hässlich aussieht und auch teils mit abfallenden Teilen aufwartet, ist aber mehr Schein als Sein. Denn auch wenn man mit vollem Karacho gegen eine Mauer oder eine Betonabgrenzung donnert, so wird der fahrbare Untersatz zwar optisch schwer in Mitleidenschaft gezogen – spürbare Veränderungen auf das Handling oder die Leistung habe ich jedoch nicht bemerken können. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass beide Scheinwerfer ausfallen, aber vor dem Auto trotzdem wie von Geisterhand noch Licht ist. Ein bisschen mehr Realismus hätte man sich hier wünschen können. Eine Entschädigung dafür sind aber die herrlich umgesetzten digitalen Klone der Männerträume aus Blech und Stahl. Jedes Detail ist an den Karossen ist einwandfrei modelliert und selbst die Tuning-Anbauteile sehen einwandfrei aus. Auch wenn die Auswahl an Modellen weit entfernt vom Umfang eines Gran Turismo ist, so braucht man doch viel Zeit um alle vierrädrigen Untersätze, samt ihrer Tuningstufen, gesehen und gefahren zu haben. Vor allem auch durch die unterschiedlichen Modifikationen der Boliden, etwa zu Rallyemonstern, Performancegiganten oder dem alltbekannten Straßenrenner fühlt man sich ein wenig an die liebgewonnenen „Underground“-Titel der ehemals erfolgreichen „Need For Speed“-Reihe erinnert, deren Glanz leider heute verblasst ist.

 

Aber es geht ja nicht nur ums Äußere sondern noch mehr um die inneren Werte. Und um diese zu verbessern braucht man Teile welche man sich durch Rennveranstaltungen aller Art freischaltet um gleich damit die eigenen Karre ein wenig schneller zu machen. Durch das Tuning wird das teils etwas schwammige Fahrgefühl der Basisausführungen deutlich verbessert. Damit werden auch die klobigen Pickups zu annehmbaren Kurvenfressern.

Vollständige Karte von The Crew

 

Ordentliche Techik, aber online um jeden Preis – WARUM?

Das schönste Detail an der ganzen Sache ist, dass die hier gespielte PC-Version die schöne grafische Ausführung jederzeit flüssig auf einem Mittelklasserechner lief. Mit einer hohen Detailstufe und der exklusiv für PC-Spieler eingebauten Möglichkeit zur Erhöhung des FPS-Limits von 30 auf 60 Frames sah das Spiel durchweg fantastisch aus und musste trotz kurzer Ladezeiten für Rennen und Zwischensequenzen nie merklich Texturen nachladen oder hatte mit Bildproblemen zu kämpfen. So macht Rennen fahren richtig Spaß…

Solange man eine Internetverbindung hat. Denn auch in The Crew kommt der leidliche AlwaysOn-Zwang zu tragen. Zieht man nämlich während der Session einfach den LAN-Stecker bricht das Spiel nach kurzer Zeit ab und geht zurück ins Hauptmenü, von dem aus man offline nicht wieder zurück kommt. Warum muss so etwas sein, Ubisoft? Das frage ich mich vor Allem aufgrund der Tatsache, dass die Story auch offline rießigen Spaß machen würde.

 

Noch ein kurzer Blick auf die „möglichen“ Online-Features

Denn auch wenn man online ist, so ist es schwierig bis unmöglich in kurzer Zeit einen Crew-Partner für Schnell-Koop-Missionen zu finden, da die Anfragen meistens abgelehnt werden. Die PvP-Lobbys funktionieren ordentlich und die Rennen gegen menschliche Gegner gehen stabil von statten. Doch fehlt hier beispielsweise noch eine Bestrafung für notorische Rempler, wie auch ein Filtersystem für die Auto- und Fahrerstufe. Dann würde The Crew seinem MMO-Anspruch auch endlich gerecht werden.

 

Fazit: Viele gute Ansätze und ein guter Racer, dem es aber teils an Feinschliff mangelt

So lange warte ich nun schon auf ein (mich) ansprechendes Rennspiel, wobei ich früher NFS oder heute Gran Turismo bzw. Forza einem Titel wie F1 2014 vorziehe. Das ist in keiner Weise der Qualität von F1 geschuldet, sondern eher der Tatsache, dass ich lieber Serienautos aufmotze, als an einem fertigen Rennwagen herum zu tüfteln, um dann in einem Feld voller gleich aussehender Boliden zu starten. Daher war The Crew für mich ein Must-Have. Und ich muss sagen, ich wurde grundsätzlich positiv überrascht und war erfreut, vor allem über die schöne Aufmachung von Wagen und Szenerie. Auch die Online-Idee gefällt wir, wenn sie denn mal richtig umgesetzt wird, was ich noch hoffe.

Ich kann jedem Rennspielfan, der nicht mehr bis nächstes Jahr auf Project Cars warten und noch in den Weihnachtsferien irgendwie das Benzin in seinem Blut spüren möchte, The Crew nur wärmstens empfehlen. Auch Fans der NFS-Serie oder Ähnlichem werden denke ich ihren Spaß mit diesem Game haben. Auch wenn es ein paar Schönheitsfehler besitzt.

 

Und vielleicht liegt das Spiel bei einem von Euch unterm Weihnachtsbaum oder hat es durch den Steam Winter Sale oder eine andere Rabattaktion in eure Sammlung geschafft.

 

Ich wünsche allen Vodzup-Gamern ein frohes Fest und ein gesundes, neues Jahr 2015!

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     Posted by at 18:32
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