Mai 262015
 

„Alter, installier dir das bloß nicht. Da kommste nicht mehr von weg.“
Die Worte klingeln mir noch heute im Ohr wie vor acht Monaten.

Es ist Oktober 2014. Nach einer partyreichen Nacht schlafe ich bei Freunden auf der Couch. Am nächsten Morgen werde ich zu actionreichem Gedudel, begleitet von klirrendem Stahl und einer Art Blitzeinschlag geweckt. Auf dem zweiten Sofa liegt noch jemand von den Party People und zockt auf seinem Smartphone. Ich habe keinen Schimmer was er tut, höre nur die repetetive Menümusik und ab und zu den Kampflärm. Fast schon einlullend.

Beim gemeinsamen Abendessen spielt er wieder und der morgendlichen Warnung zum Trotz riskiere ich einen Blick und frage nach. „Heroes Charge“ heißt das Spiel und ist zu dem Zeitpunkt noch gar nicht mal so lange auf dem Markt. Der erste Eindruck lässt mich zweifeln. Vor einem 2D-Hintergrund rennt das aus bis zu fünf Helden bestehende Team einigen Gegnern entgegen. Wenn sie aufeinandertreffen, wird solange zugehauen, bis nur noch Mitglieder eines Teams stehen. Der Clou des Spielers: Neben einer Lebensanzeige haben die Helden auch eine Energieanzeige, die sich langsam füllt. Voll aufgeladen, kann auf Knopfdruck die Spezialfähigkeit des jeweiligen Helden gezündet werden. Es wird kurz dunkel und dann ist richtig Rambazamba. Nur schien das dann auch alles zu sein. Jeder Kampf wird automatisch abgewickelt, die einzige Art Einfluss zu nehmen besteht im selbstgewählten Aktivieren der Spezialfähigkeit – die nach Aktivierung auch vollständig automatisch abläuft. Jetzt erklärt sich auch der Blitz. Einer der Helden ist ein Zwerg, der mit seinen zwei Streithämmern Blitze auf seine Feinde niederregnen lässt. Mein Kumpel selbst fand es eigentlich nur so mittelspannend und ich habe es ebenfalls als viel zu oberflächlich abgetan um wertvolle Freizeit darin zu investieren. Mensch, habe ich mich geirrt.

Ein paar Tage später habe ich es aus Langeweile ausprobiert. Und spiele bis heute.

 

Von schlimmen Stories und schnieken Level-Ups

Die Story von Heroes Charge ist allenfalls rudimentär vorhanden. Bis zu dieser Review wusste ich nichtmal, wie die Spielwelt heißt („Kron“) und noch immer nicht, worum es eigentlich geht. Beides hat aber denselben Wert wie eine Story für Tetris. Es gibt zwar ein paar einleitende Worte vor jedem Kampagnenkapitel und manche Helden sagen auch was dazu; die Texte wirken aber generisch und sind vollkommen irrelevant.

Die Entwickler uCool vermarkten Heroes Charge als „action RPG multiplayer online battle arena“, also dem MOBA-Genre zugehörig. Bei einer weiten Auslegung des Begriffes mag das auch hinkommen, wer aber ein App-Spiel erwartet, was League of Legends, Dota, Heroes of the Storm und Konsorten für Smartphone und Tablets umsetzt, wird enttäuscht werden.

In Heroes Charge geht es maßgeblich darum, nach und nach neue Helden freizuschalten, diese in unterschiedlichen Facetten zu optimieren und in verschiedenen Disziplinen die Ranglisten zu erobern. Die Kampagne besteht aus 14 Kapiteln, die jeweils aus 6-8 Haupt- sowie 10-14 Nebenschauplätzen bestehen und in einer festgelegten Reihenfolge erledigt werden müssen. Jeder Schauplatz entspricht einem Kampf, der wiederum aus drei Stufen besteht. Lebt am Ende der dritten Stufe noch zumindest einer unserer bis zu fünf Helden haben wir gewonnen und können zum nächsten Schauplatz ziehen. Nach erfolgreichen Kämpfen an Hauptschauplätzen schließt sich uns häufig der gerade besiegte Held an, den wir von nun an in unserem Team nutzen können. Die maximal fünf Helden pro Team können vor jedem Kampf beliebig aus den uns momentan zur Verfügung stehenden Helden gewählt werden. Aktuell gibt es 67 unterschiedliche Helden und jeden Monat kommen drei neue dazu.

Abseits der Kämpfe gibt es keine frei begehbare Welt. Stattdessen bewegen wir uns in einem auf Hafenstadt getrimmten 2D-Menü, von wo aus alle Funktionen angesteuert werden können. Die anfangs als Kernelement wahrgenommene Kampagne entpuppt sich allerdings zügig als nebensächlich. Sehr viel wichtiger sind die Elite-Level. Das sind dieselben Kampagnen-Hauptschauplätze, allerdings mit sehr viel schwierigeren Gegnern. Dafür kann man dort mit jedem erfolgreichen Absolvieren Seelensteine sammeln, mit denen – bei ausreichender Anzahl – neue Helden freigeschaltet und dann verbessert werden.

Die Wege, eigene Helden zu verbessern sind in Heroes Charge wahnsinnig umfangreich. Zunächst hat jeder Held einen Level, der sich durch den Einsatz in Kämpfen erhöht. Weiterhin verfügt jeder Held über vier unterschiedliche Fähigkeiten. Eine davon wird manuell vom Spieler gesteuert, die restlichen drei werden automatisch vom Helden nach Gutdünken eingesetzt. Jede einzelne Fähigkeit kann dabei auch nochmal individuell gelevelt werden, maximal auf die gleiche Stufe, die der Held selbst hat. Fähigkeiten werden also nicht automatisch stärker. Außerdem gibt es noch ein umfangreiches Gegenstands- und Craftsystem. Gegenstände gibt es in mehreren Seltenheitsstufen und können zu jeweils besseren zusammengefasst werden. Jeder Held kann bis zu sechs Gegenstände gleichzeitig tragen, diese sind aber vom Spiel vorgegeben, sodass es immer eine Anforderung gibt, welcher Gegenstand in welchen Slot ausgerüstet werden muss. Sind alle sechs Slots belegt, kann der Held aufgewertet werden. Dabei handelt es sich um ein zusätzliches Levelsystem, was die Heldenstärke in Abhängigkeit von der verwendeten Ausrüstung angibt. Bessere Ausrüstung erfordert natürlich ein höheres Heldenlevel, sodass diese Systeme nicht gänzlich unabhängig voneinander sind. Diese „Ausrüstungslevel“ besitzen eine Farbcodierung. Jeder Held startet auf „grau“. Nachdem einmal alle sechs Slots gefüllt wurden, steigt er auf „grün“ auf. Danach kommen Zwischenschritte wie „grün+1“ gefolgt von weiteren Farben. Nach ca. zehn Schritten kommt mit „orange“ die höchste Stufe. Jeder Ausrüstungsgegenstand kann beim Verzauberer nochmal bis zu fünfmal aufgewertet werden, was ein zusätzliches Optimierungssystem darstellt. Schließlich gibt es noch ein „Sternlevel“ jedes Helden, das von eins bis fünf reicht. Ein Held mit einem Stern ist dabei schon wesentlich schlechter als derselbe Held mit zwei Sternen. Um Sternlevel aufzusteigen benötigt man die oben erwähnten Seelensteine. Für den Sprung auf Sternlevel 2 reichen 20 Steine. Von 4 auf 5 sind es dann schon 150 Steine.

Letztendlich will man also möglichst schnell für seine favorisierten Helden die Seelensteine, Gegenstände und Erfahrung sammeln, um ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen. Das eröffnet auch direkt den ersten Kritikpunkt: Wer versucht, alle Helden gleichmäßig auszubauen, wird über kurz oder lang extrem langsam vorankommen. Man ist gezwungen, sich auf 10 bis 15 Helden zu konzentrieren, um wirklich Fortschritte zu machen. Grund dafür sind die Ingame-Ressourcen.

 

Im Glanz von Gold und Edelsteinen

Um alle seine Aufgaben als Heldenverwalter durchzuführen gibt einem das Spiel drei Ressourcen an die Hand. Gold wird für das Leveln der Fähigkeiten sowie das Ausbauen von Helden und Gegenständen benötigt. Edelsteine sind vielfältig einzusetzen, ermöglichen allerdings meistens, bestehende Grenzen oder Einschränkungen zu umgehen. Ausdauer ist die wichtigste Ressource, da sie für jeden gestarteten Kampf benötigt wird, was zwischen 6 und 20 Ausdauer verbraucht. Ausdauer regeneriert sich mit einem Wert von 10 pro Stunde und kann Anfangs maximal in Höhe von 60 Einheiten aufbewahrt werden. Dann ist man gezwungen sie zu verbrauchen, wenn keine Ausdauer verfallen soll. Hier kommen auch die klassischen „Freemium“-Merkmale zum Tragen. Wer dauerhaft zügig vorankommen will, sollte sich mehrmals pro Tag innerhalb gewisser Abstände einloggen, um seine Ressourcen bestmöglich zu verteilen  und Belohnungen für sogenannte „Daily Quests“ und die tägliche Anmeldung abzuholen. Weiterhin ist zwar das gesamte Spiel kostenlos, wer Geld investiert sammelt dadurch aber Erfahrung für VIP-Level. Für das maximale VIP-Level von 15 müssen aber mehrere Tausend Dollar investiert werden. VIP-Nutzer genießen dabei verschiedene Vorteile wie das Zurücksetzen von Countdowns, mehr tägliche Ausdauer oder neue Helden früher nutzen zu können als andere Nutzer. Für Echtgeld kauft man sich hier Edelsteine, die diese ganzen Optionen möglich machen. An dieser Stelle sei allerdings gesagt, dass die VIP-Level keinesfalls nötig sind. Auch ein Pay-to-Win-System kann nicht unterstellt werden.



Mit meinen Leuten gegen alle Anderen

Heroes Charge ist ein stark kompetitiv geprägtes Spiel für fast alles gibt es Ranglisten, die in Echtzeit aktualisiert werden. So gibt es eine Rangliste in der Arena (bestes Team gegeneinander), in der großen Arena (beste drei Teams gegeneinander) oder für Errungenschaften wie größte Stärke, meiste gesammelte Sterne, etc. Darüber hinaus gibt es ein implementiertes Gildensystem. Bis zu 50 Spieler können sich zu einer Gilde zusammenschließen und in einer Art Extra-Kampagne Gildenraubzüge absolvieren um so weitere Boni zu erhalten. Auch eine Gildenrangliste gibt es natürlich für die einzelnen Server. Innerhalb der Gilden gibt es ein Söldnerlager, wo man eigene Helden den Gildenmitgliedern zur Nutzung zur Verfügung stellen kann.

Daneben gibt es noch weitere Elemente, die dem Spieler immer wieder neue taktische Überlegungen und Problemlösungen abverlangen, sei es bei der Verteidigung von Außenstationen oder Beutehöhlen, dem gemeinsamen Plündern von Tempeln oder dem Absolvieren von Sonderherausforderungen ins speziellen Gebieten wie dem Zeitspalt oder den Kreuzzügen. Außerdem gibt es Schatztruhen die gegen Gold erstanden werden können und mit ein bisschen Glück auch schonmal einen Helden ausspucken und viele zeitlich begrenzte Events, die z.B. für ein paar Tage Belohnungen aus bestimmten Herausforderungen verdoppeln.

 

Niedlich und tödlich

Die Grafik hat einen netten Comic-Look mit ansprechenden Animationen von Helden und Fähigkeiten. Die Hintergründe sind nicht weltbewegend aber schön anzuschauen und abwechslungsreich. Die Helden sind in einer Art gemäßigtem Chibi-Stil gehalten, sodass sie deutlich überdimensionierte Köpfe haben. Für das Design sei anzumerken, dass die maßgebliche Inspiration der Helden wohl von Dota 2 kommt. Ein Großteil findet sich fast 1:1 dort wieder. Aber es ist ja schließlich auch ein „MOBA“. Die für eine App ordentliche Technik zeigt sich allerdings vor allem beim Akku-Verbrauch, der sich ziemlich zügig leer spielt. Ohne schnelle Internetverbindung spielt es sich außerdem recht schleppend, da einzelne Aktionen mitunter sehr lange dauern. Außerhalb von WLAN-Netzen wird das Spielen dann zur Geduldsprobe.

Empfehlenswert? – Absolut!

Was als „viel zu oberflächlich“ begann hat mich schon bald in die klassische Rollenspiel-Spirale gezogen. „Nur noch den einen Gegenstand farmen“, „nur noch das eine Level“, „oh jetzt hab ich fast schon den neuen Helden“ – alles vielfach aufgetretene Situationen. Insofern mach Heroes Charge alles richtig, um die Leute bei der Stange zu halten. Für die meisten Farm-Angelegenheiten wie Gegenstände und Seelensteine gibt es direkt im Spiel Alternativen, die den Prozess beschleunigen können, dennoch nimmt das Fortschrittstempo gerade auf hohen Leveln merklich ab. Das Maximallevel pro Account (und damit gleichzeitig das Maximallevel für jeden einzelnen Helden) ist momentan 90 und dafür braucht man schon recht lange. Das Gildensystem tut sein Übriges um die Spieler zu motivieren. Der Austausch macht Spaß und hilft sogar immens um voran zu kommen. Je höher das Ranking der Gilde, desto deutlicher wird auch eine gewisse Organisationsstruktur, die aber keinesfalls Ausmaße wie in den großen MMORPGs annimmt. Heroes Charge bietet außerdem eine erstaunliche Tiefe an Kombinations- und Optimierungsmöglichkeiten, an denen man immer noch ein bisschen feilen kann. Es macht auch bei verhältnismäßig geringem Involvement Spaß und bietet ein ausreichend schnelles Vorankommen ohne Geld investieren zu müssen.

Der Kumpel aus dem letzten Jahr ist übrigens nicht mehr dabei. Aber es kann ja auch nicht allen gefallen. Ich bin dafür fast auf dem Maximallevel (zurzeit 89) und plane auch nicht aufzuhören.

 

Pro & Contra

+ Suchtspirale setzt ein
+ ansprechender Comic-Stil
+ großer Wiedererkennungswert für Dota-Spieler
+ vielfältige Levelsysteme
+ permanent neue Inhalte
+ Gildensystem

– auf hohen Leveln elend langes Grinden
– hoher Akku-Verbrauch
– ohne WLAN nervig
– frühe Fokussierung auf wenige Helden notwendig
– Story vollkommen belanglos
– einige Lokalisierungsfehler und seltsame Übersetzungen

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