Jun 272015
 

Erinnert ihr euch noch an das erste Spiel, das ihr online gespielt habt? Das erste Mal, dass ihr auf „Multiplayer“ anstatt „Singleplayer“ geklickt habt, ohne auf einer LAN zu sein? Ich schon. Und seitdem war ich Sanktuario, der Welt von Diablo 2, zu Hause. www.inDiablo.de wurde meine Wikipedia und die verfluchten Seelen ein größeres Ärgernis als der ein oder andere Lehrer. Nicht, dass ich Diablo 2 vorher nicht schon gespielt hätte. Aber online gings erst richtig los. Und selbst heute hat dieses Spiel inklusive Erweiterung einen Ehrenplatz auf meiner Festplatte. Nicht nur, weil es spielerisch einfach brillant war sondern auch, weil ich Action-RPGs/Hack’n’Slays geliebt habe. Obwohl ich den Alleinherrscher des Genres damit schon mein Eigen nennen konnte, wollte ich trotzdem über den Tellerrand schauen. Wollte wissen, wen es noch da draußen gibt. Wissen, ob ihm erwähnenswerte Herausforderer den Kampf ansagen. Damit habe ich in den Folgejahren alles ausprobiert, was sich ARPG nannte und über Vogelperspektive verfügte. Oft hieß es dann sogar „Wirklich gutes Spiel“ aber eben auch „Nicht besser als D2“. Dennoch waren auch würdige Vertreter dabei, in die ich zum Teil ebenso viel Zeit investiert habe, wie in den König. Und um die besten fünf soll es hier gehen.

 

PLATZ 5: PATH OF EXILE (2013)
Path of Exile war ein Überraschungs-Geheimtipp des Independet-Studios Grinding Gear Games. Grafik und Stimmung sind düster, spielt man doch einen knapp ein Schiffsunglück überlebenden Gefangenen, der sich jetzt in Wraeclast zurechtfinden muss. Comic-Look und Humor sucht man hier vergebens – es herrscht das Recht des Stärkeren. Genre-üblich wählt man zu Beginn eine von sechs Klassen: Marauder, Witch, Ranger, Duelist, Templar oder Shadow. Eine siebte Klasse, der Scion, wird freigeschaltet, wenn man das Spiel einmal durch hat. Jede Klasse hat sich dabei einem der drei Hauptattribute (Stärke, Geschick, Intelligenz) oder einer Kombination von zweien verschrieben. Der Scion basiert gleichmäßig auf allen Attributen. Hier endet ein Großteil der Gemeinsamkeiten mit anderen ARGPs, denn Path of Exile macht vieles neu. Am eindrucksvollsten ist der rein passive Skilltree. Davon gibt es nämlich nur einen – für alle Klassen. Denn letztendlich kann man jede Klasse spielen wie man möchte. Muskelbepackter Marauder, der mit Frostpfeilen schießt? Kein Problem. Die gewählte Klasse gibt nämlich lediglich an, wo innerhalb des riesigen Skilltrees gestartet wird. Und dann ist erstmal guter Rat teuer. Es kann sich zwar vollkommen frei innerhalb des Plans bewegt werden, aber beim Erreichen des Maximallevels und unter Ausnutzung aller Questboni sind nur 120 Punkte zu verteilen. Der Skilltree besteht demgegenüber aus 1325(!) einzelnen Skills. Die reichen von einfachen „+10 Stärke“ bis hin zu absolut einschneidenden Spielveränderungen wie „Immunität gegen alle Schadensarten außer Chaos, dafür aber nur noch maximal 1 Lebenspunkt“. Aktive Skills erhält man über Fähigkeiten-Edelsteine. Diese werden einfach in die Ausrüstung gesockelt und schon beherrscht man die Fähigkeit. Nützlich sind die immer, denn Fähigkeiten sammeln auch Erfahrungspunkte und werden besser. Insgesamt ist das Sockel- und Crafting-System extrem umfangreich und vielseitig. Das zeigt sich schon darin, dass es als Währung kein Gold, sondern Crafting-Materialien gibt. Der Umfang des gesamten Spiels ist klasse und es sieht super aus. Erhältlich ist es übrigens über Steam – für lau.


PLATZ 4: THE INCREDIBLE ADVENTURES OF VAN HELSING (2013, 2014, 2015)
Auch die inzwischen dreiteilige Van Helsing Reihe stammt von einem Independet-Studio: NeocoreGames. Als Van Helsings Sohn jagt der Spieler allerlei Kreaturen in einem Steampunk-Setting im fiktiven Land Borgovia. Mit dabei ist stets unsere geisterhafte Freundin Katarina; immer mit einem flotten Spruch auf den toten Lippen. Während im ersten Teil ausschließlich Van Helsing selbst gespielt werden kann, aber immerhin mit der Wahl ob Nahkämpfer, Fernkämpfer, Magier oder Hybrid, stehen ab dem zweiten Teil innovative weitere Klassen wie Protector oder Constructor zur Verfügung. Veteranen des ersten Teils können ihre Charaktere sogar in den Zweiten importieren. Der Grafik-Stil ist realistisch-düster, aufgelockert wird das Gameplay aber durch eine Menge humoristische Anspielungen auf allerlei Filme, Spiele und Serien jedweder Art. Das Skillsystem ist auf den ersten Blick altbekannt, mit Punkten für Attribute und den Skilltree. Hier gibt es allerdings passive Verbesserungen für Hauptskills und eine Meisterschaftsanzeige, die mit dem Verteilen der Punkte automatisch steigt und uns insgesamt verbessert. Außerdem gibt es unabhängig davon Perks die verteilt werden können und ebenfalls passive Verbesserungen darstellen, sowie einen Extra-Skilltree unabhängig von unserer Kampfausrichtung. Zusätzlich ist unsere Begleiterin Katarina weitaus vielfältiger als es noch die Söldner in Diablo 2 waren. Sie bekommt beim Levelaufstieg nämlich ebenfalls Attributs- und Skillpunkte für ihre eigenen Skilltrees. Weiterhin kann sie uns mit Waren versorgen und automatisch Gegenstände aufnehmen, deren Zusammenstellung wir bestimmen. Auch der Kampf hat mit einer dritten Ressource neben Leben und Mana eine taktische Neuerung bekommen. Die Reihe hat sicherlich die vielseitigsten Möglichkeiten, das eigene Können zu individualisieren. Insgesamt ein ehr atmosphärisches Spiel mit guten Sprechern und tollen Easter Eggs.


PLATZ 3: DIABLO 3 – REAPER OF SOULS (2012, 2014)
Ja, auch der theoretische Thronfolger steht auf der Liste. Und nicht an erster Stelle. Außerdem ist Diablo 3 auch sehr viel weiter weg vom Vorgänger als man meinen mag. Welt und Story hängen natürlich zusammen, das wars dann aber auch fast schon. Diablo 3 knüpft an die Geschichte des Vorgängers an, die Erweiterung Reaper of Souls führt diese weiter. Natürlich gibt es wieder mehrere spielbare Klassen: Witch Doctor, Barbarian, Wizard, Monk und Demon Hunter. Mit der Erweiterung gab es auch den obligatorischen zusätzlichen Charakter. In diesem Fall den Crusader. Attribute gibt es zwar immer noch, die Erhöhung selbiger erfolgt aber nur noch durch Ausrüstung. Der Skilltree wurde durch ein freischaltbares System von einer Vielzahl Skills ersetzt, die individuell mit Runen in ihrer Natur verändert werden können. Somit ergibt sich eine große Vielfalt an Möglichkeiten, die auch ohne Nachteil neuen Gegnern oder neuer Ausrüstung angepasst werden können. Highlevel Charaktere können zusätzlich Paragonlevel sammeln, wodurch zusätzliche Skillpunkte auf passive Fähigkeiten verteilt werden können. Das System ist auch nötig, denn in Diablo 3 ist nicht mehr der Weg das Ziel. Der Fokus liegt massiv auf Highlevelcontent und das Spiel bietet viele Hilfen, diesen zügig zu erreichen. Dort kommt man dafür in den vollen Genuss des Fähigkeiten- und Grafikfeuerwerks, das Diablo zündet. Das Gameplay ist rasant und dank überaus fairer Möglichkeiten, seine Ausrüstung zu optimieren, können auch Casual Gamer im Gegensatz zum Vorgänger die elitären Ausrüstungsebenen recht gut erklimmen. Dank eines theoretisch unbegrenzt schwerer werdenden Elite-Dungeons im späten Spielverlauf, kann hier nahezu grenzenlos Ausrüstung und persönliches Können ausgeweitet werden. Auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger mit mutigen neuen Ansätzen.


PLATZ 2: TORCHLIGHT (2009, 2012)
Torchlight und der Nachfolger Torchlight 2 von Runic Games fühlen sich sofort an wie Diablo 2. Allerdings waren auch zwei Co-Designer von Diablo 2 daran beteiligt. Gute Voraussetzungen. Die Musik ist herrlich und partiell sogar gefühlt identisch. Torchlight bekennt sich klar zum Comic-Look und verfolgt auch beim Gameplay durchaus humoristische Ansätze. Die Story spielt in einem Fantasy-Steampunk-Setting, wirkt aber weniger technisiert als Van Helsing. Alle Fähigkeiten knallen bunt durch die Gegend, verschiedene Charakterklassen mit mehreren Skilltrees sorgen für viel Abwechslung. Darüber hinaus gibt es die separat verbesserbaren Attributwerte. Auch hier ist das Gegenstandssystem intelligent gelöst, da alle Gegenstände ungefähr das Level des Spielers haben, wenn sie gefunden werden. Außerdem gibt es einen tierischen Begleiter, der ähnlich wie in Van Helsing Gegenstände aufnehmen und in die Stadt zum verkaufen bringen kann. Das beschleunigt das Spiel ungemein. Die Begleiter sind eine niedliche Ergänzung und passen perfekt in das Spielflair. Neben Katzen und Hunden gibt es auch exotischere Varianten wie Falken, Frettchen, Hirsche oder Pandas. Auch spielerisch sind die Begleiter sinnvoll, da sie ebenfalls Zaubersprüche nutzen können, und sich mit geangelten Fischen in andere Monster mit neuen Fähigkeiten verwandeln. Insgesamt spielt sich Torchlight sehr schnell und bietet diverse New Game+ Stufen, sodass der Charakter dauerhaft verbessert werden kann. Besondere Gegner der Spielwelt öffnen zudem zufällige Phasenportale, die den Spieler in minispielartige Arenen befördern, in denen jeweils andere Aufgaben erfüllt werden müssen. Die Orientierung an Diablo 2 geht insgesamt so weit, dass Fans von Diablo 1 wahrscheinlich mehr mit Torchlight 1 anfangen können. Gleiches gilt für den zweiten Teil. Für das Diablo-artigste Spielgefühl, sollte es also die Torchlight-Reihe sein.


PLATZ 1: TITAN QUEST – IMMORTAL THRONE (2006, 2007)
Wenngleich alle Plätze hart umkämpft und auch mehrere Spiele dieser Liste Anwärter auf den ersten Platz waren, funktioniert eine Top 5 nur mit einem klaren Ranking. An der Spitze steht damit für mich Titan Quest inklusive der Erweiterung Immortal Throne von Iron Lore Entertainment, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Titan Quest war auch das einzige Spiel in meinem Leben, dass ich vorbestellt und am Release-Tag erhalten habe. Und ich habe es nicht bereut. Grund dafür war unter anderem das recht unverbrauchte Setting. Abseits von klassischer Fantasy war maßgeblich die griechische, aber auch ägyptische und chinesische Mythologie der spielerische Rahmen. Aufgeteilt in drei (später dann vier) Akte werden wichtige Stationen aller drei Vorlagen besucht. In Griechenland etwa das Orakel von Delphi und das Labyrinth des Minotaurus, in Ägypten die Pyramiden von Gizeh und im dritten Akt die hängenden Gärten von Babylon und die Chinesische Mauer. Abschließend geht es auf den Olymp um den Titanen Typhon zu vernichten. In der Erweiterung geht es über Rhodos weiter in die Unterwelt, den Hades, um dessen namensgebenden Herrscher in seine Schranken zu verweisen. Neben klassischer Attributsverteilung und Gegenstandssystem, sticht bei Titan Quest vor allem das Skillsystem hervor. Zu Beginn ist jeder Charakter identisch. Mit dem ersten Levelaufstieg kann eine von acht (neun) Meisterschaften gewählt werden. Erhaltene Punkte können dort entweder in eine Attributsleiste oder auf aktive und passive Skills vergeben werden. Soweit, so bekannt. Auf Level Acht hat der Spieler jedoch die Möglichkeit, eine zweite der übrigen sieben (acht) Meisterschaften zu wählen. Dadurch ergeben sich erstaunliche Kombinationsmöglichkeiten, die wohlüberlegt werden sollten, denn die zu verteilenden Punkte sind begrenzt. Mit der Wahl einer einzelnen oder der Kombination von zwei Meisterschaften ergibt sich zudem erst die letztendliche Klassenbezeichnung, was das Skillsystem sehr atmosphärisch macht. So betitelt die alleinige Meisterschaft Kriegsführung den Spieler als Krieger, die Kombination mit Jagd jedoch als Schlächter oder die mit Geist als Zauberbrecher. Dadurch kommt man auf 36 bzw. mit der Erweiterung auf 45 unterschiedliche spielbare Klassen. Die Grafik ist realistisch aber dennoch bunt und effektvoll. Gerade die Außen- und Stadtgebiete laden zum Erkunden ein und mehr als einmal habe ich an einem Fluss oder Abhang angehalten, um die Landschaft zu betrachten. Die Mythologie ist sowohl im Hinblick auf Ereignisse als auch auf Gegnertypen ansprechend umgesetzt und die Dialoge angenehm vertont. Zwar knapp meine Nummer 1, aber verdient.

 

ZUKUNFTSSCHLITZER
Wenngleich in der obigen Auflistung einige ältere Titel dabei waren, heißt das nicht, dass das Genre stagniert. Tatsächlich habe ich momentan zwei äußerst vielversprechende Titel auf dem Radar, die bisher phänomenal klingen.

LOST ARK
Das koreanische Spiel von Smilegate hat letztes Jahr viel Aufruhr auf Grund des unglaublichen Trailers verursacht. Die Ambitionen sind groß, genauso wie der Klassenumfang und die Effekte. Bedenken wurden aber auch laut, weil über Systeme geredet wurde, die absolut nach Pay-to-Win klangen – was zumindest für mich dem automatischen Verschwinden des Titels im Nirwana gleichkommen würde. Übermäßig viele Informationen gibt es noch nicht, der Release wird aber wahrscheinlich 2016 sein. Den besten Eindruck mit allem bisher Bekannten gewinnt man durch den Trailer. Wem der leicht asiatische Grafikstil zusagt, sollte hier aufmerksam bleiben. Eigentlich aber auch alle anderen.

UMBRA
Das lediglich drei Mann starke Team hinter SolarFall Games arbeitet derzeit an Umbra, was vor zwei Wochen erfolgreich über Kickstarter finanziert wurde. Orientiert haben sich die Entwickler wohl zum Teil an Diablo 2, zumindest lassen sich einige Parallelen erkennen. Das bisherige Material sieht eindrucksvoll aus, dient als Grundgerüst doch die CryEngine. SolarFall Games locken mit einem klassischen mittelalterlich-fantasy-artigem Setting, Open World Umgebung und vor allem extremer Charakter-Individualisierung. Release ist momentan für Ende 2016 geplant. Man darf gespannt sein, was die Spielergemeinschaft hier erwartet. Der Trailer macht jedenfalls Lust auf mehr.

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