Jun 152013
 

Erstmal vorab, das hier wird kein Review mit anschließender Bewertung.
Nein, ich sage von Anfang an, dass das Spiel absolut spielenswert ist und es etliche Stellen gibt, die sich dir ins Gehirn bohren, wenn du es zulässt. Und diese speziellen Stellen habe ich aus den 5 Episoden des Spiels herausgefiltert und gemeinsam mit meinem Gedanken, Konflikten und Entscheidungen niedergeschrieben. Mein Artikel ist also definitiv eher für die geeignet, die die spielbare Serie selbst durchlebt und sich davon auch in den Bann haben ziehen lassen wie ich. Viel Spaß!

Die, die jetzt noch mitlesen, wissen von welchem Spiel ich rede. Gemeint ist die im Comic Stil gehaltene Spieladaption aus dem „Walking Dead“ Universum, dass mit einer Comicreihe gestartet hat und seitdem auch im TV-Segment große Erfolge feiert. Seit April 2012 hat Telltale Games ein Spiel, gestaffelt in insgesamt 5 Episoden, auf den Markt gebracht. Ich habe davon jeden einzelnen Teil, der immer wieder ein paar Monate auf sich warten ließ, sehnsüchtig erwartet und wurde kein einziges Mal enttäuscht.

The Walking Dead besticht als spielbare, originell designte Spieleserie. Eine Geschichte, deren Verlauf und Ende der Spieler bestimmen kann. Viele sagen ja, dass die Entscheidungsfreiheit und der Einfluss auf die Entwicklungen nur vorgegaukelt sind und das Spiel letztendlich eh nur macht was es will. Ich sage: okay, mag stimmen. Nachdem ich meine Version von Lees letzten Monaten erlebt hatte, habe ich mich im großen weiten Internet auf die Suche nach allen möglichen Enden der Story gemacht. Und jetzt weiß ich: der Handlungsrahmen bleibt der gleiche.
Trotzdem, nach meiner Recherche und Gesprächen mit Freunden weiß ich nun, wie individuell und detailliert ein Spieler die Geschichte erleben kann und wie durchdrungen und kompliziert die Beweggründe und Überlegungen hinter den im Spiel zu treffenden Entscheidungen sein können. Ja, hier geht es um Tiefgründigkeit beim Zocken!

Ich hoffe, dass der eine oder andere da draußen Gemeinsamkeiten oder noch besser, Unterschiede und Anregungen zu seinen getroffenen Entscheidungen in „The walking Dead“ findet. Übrigens, chronologisch bleiben die Reviews der Logik zuliebe trotzdem.

Los geht’s mit Episode 1: a new day part 1

1. Der Zombie auf der Autobahn

Zugegeben, der erste Teil liefert nicht ganz so viele Schockmomente wie die Nachfolger, und eine besonders große Entscheidungslast gibt es hier auch noch nicht. Soll nicht heißen, dass es keine schweren Entscheidungen zu treffen gab, aber wer die nachfolgenden Teile gespielt hat, weiß, dass es irgendwie fast schon leichter ist, zu entscheiden, welcher Fremde von Zweien stirbt, wie wenn du entscheiden musst, ob du einen deiner Freunde kalt machst.
Genug davon. Mein erster persönlicher Schockmoment war also der erste im Spiel auftauchende Zombie. Ich starte das Spiel als ein stark pigmentierter (hust) Mann, in einem Polizeiauto sitzend. Ich habe keine Ahnung wie alt er sein könnte, ich kann so etwas nicht schätzen. Aus den ersten Dialogmöglichkeiten erfahre ich, dass Lee eingebuchtet wurde, weil er den Liebhaber seiner Frau umgebracht haben soll. Dabei kann ich Lee mehrmals auf die Fragen des Polizisten antworten lassen, immer aus vier Optionen.
Eine ist dabei meistens noch recht freundlich, zwei eher motzig und eine lässt Lee schweigen. Ich versuche höflich zu bleiben, immerhin befinde ich mich gerade auf dem Weg in den Knast, nicht wahr? Auf der Autobahn fährt ein Krankenwagen Richtung Stadt, wir befinden uns auf der Gegenspur. Da kommt schon ein bisschen Unbehagen auf. Ich muss sagen, ich habe mich etwas unwohl gefühlt, in so kurzer Zeit aus Antworten zu wählen. Nicht mal essen kann man nebenbei.. Ich möchte freundlich bleiben und den Polizisten von meiner Unschuld überzeugen. Obwohl ich nicht mal weiß, ob Lee tatsächlich unschuldig ist. Er wirkt so bescheiden und trübselig, das erweckt nicht dein Eindruck von einem Mörder.

‚Hans-Jürgen, du hast da etwas an der Frontscheibe.‘

Und während der Polizist von irgendeinem Raudi erzählt, passiert es innerhalb von Sekunden. Auf der Autobahn taucht eine Gestalt auf, der Fahrer quatscht weiter, und am unteren Rand der PCs tauchen wieder vier Dialogmöglichkeiten auf. Durch alle weist Lee den Fahrer irgendwie an, dass der gefälligst aufpassen soll! Aber zu spät, wir geraten ins Schleudern und das Auto kommt von der Straße ab, überschlägt sich – schwarzer Bildschirm.

Naja, noch nicht so besonders spannend.. Trotzdem das erste Highlight für mich. Denn ich hatte mich im Vorhinein absichtlich nicht über den Spieleverlauf informiert, wusste also nicht, was auf mich zukommen würde und war der festen Überzeugung, dass ich den Unfall vermeiden kann. Wenn ich nur die richtigen Antworten wähle. Ich starte das Spiel nach dieser Szene also neu und spiele nochmal bis zu der Stelle und merke peinlich berührt, dass ich nichts ausrichten kann.  Die Zombieseuche ist ausgebrochen und Lee kann den ersten Unfall nicht verhindern.

Oh Gott, jetzt bin ich mit Lee scheinbar auf mich selbst gestellt. Die Sicherheit, mit einem Polizisten im Auto zu sitzen, ist futsch. Denn besagter Polizist liegt in einer Blutlache, unweit von dem verunglückten Wagen.  Mein erste Gedanke – schnell weg hier! Aber Lee hat, ganz im Gegensatz zu mir, keine Ahnung dass die Zombieplage ausgebrochen ist. Also zwingt er mich, zu dem vor sich hin Gammelnden zu hinken (knackende Knochen sind ein furchtbare Geräusch und werden den Spieler leider durch die Story begleiten).  Gerade noch so schaffen wir es, die Schlüssel für die Handschellen zu nehmen, da kommt schon der erste „Kampf“, ganz typisch als Spiel-eingebundenes Tutorial. Schnell rückwärts robben, die Patrone und Pumpgun auf dem Boden finden, Patrone verlieren, aufheben, schießen. Zum Glück habe ich genug Erfahrungen mit Click & Point Adventures und fühle mich nicht ganz so überfordert wie ich es befürchtet hatte. Es ist trotzdem etwas anderes, ein Wesen zu erschießen, wenn das ganze in eine Story eingebettet ist. Ja, sie sind untot, aber das scheint Lee noch nicht zu begreifen.

 

Lee – messing with the police

2. Clementine

Nachdem man mit Lee nun vollkommen in die Story eingetaucht ist, geht es munter weiter.  Lee findet ein verwüstetes Haus und geht hinein, zu finden ist hier kaum etwas.  Wir erfahren über einen herumliegenden AB, dass die Eltern eines kleinen Mädchens wohl nicht mehr am Leben sind. Eine sehr traurige Szene, die Mutter wird von Nachricht zu Nachricht hysterischer und die Tochter selbst hat die Nachricht wohl nie erhalten.  Diese subtile Art, Geschichten zu vermitteln reißen mich mit. Es steht keine KI vor mir und erzählt mir eine Story, nein, ich muss mir alle Puzzleteilchen selbst zusammensuchen. Fotos, Gegenstände, kaputte Spielsachen…Da gehen fremde Schicksale gleich viel eher unter die Haut.

Dann treffen wir auf die kleine Clementine. (Der Hausmädchenzombie ist zwar auch eine nette Einlage, die es aber schon sehr ähnlich paar Minuten zuvor gab.)
Clementine schließe ich von Anfang an ins Herz. Warum sie mir nicht wie jedes andere in Videospielen existierenden Kindern auf die Nerven geht, zeigt sich im Laufe des Spiels. Sie ist zumindest ein extrem gut kreierter Charakter.  Sie sieht eigentlich so hilflos aus, wie sie in ihrem verwüsteten, verlassenen Zuhause steht. Trotzdem steht sie dem Spieler nicht im Weg. (wir erinnern uns an Resident Evil 4, der schlimmste Sidekick der mir innerhalb von einer Sekunde einfällt.) Es ist selbstverständlich für mich, Clementine mitzunehmen. Das Spiel lässt etwas anderes auch nicht zu, aber selbst wenn es möglich wäre, würde ich sie auf keinen Fall zurücklassen!

Clementine posing with a hammer

3. Duck oder Shawn?

Mit Clementine im Schlepptau kommt die erste Entscheidung, die einen ganzen Abschnitt des Spiels ganz verschieden erscheinen lassen kann: tagsüber oder nach Einbruch der Dunkelheit abhauen? Ich entscheide mich sofort für den Tag. Die Nacht macht mir Angst, da kriechen die Monster doch erst recht aus ihren Löchern..
Den sympathischen Jungs von der Farm sage ich, ich sei Clementines Babysitter. Ich möchte nicht, dass die mir am Ende die Kleine wegnehmen, weil ich nur „irgendein Typ“ bin. Und dann auch noch ein Schwarzer. Die Gesellschaft mag nicht mehr existieren, aber Vorurteile und Rassismus werden die Zombieseuche überlebt haben, da bin ich mir sicher.

Auf der Farm angekommen überkommt mich ein Gefühl von Erleichterung. Hier sind wir nicht in der Stadt, hier können wir nicht überrannt werden.
Die nächsten geschätzten 12 Stunden im Spiel bestätigt sich das Gefühl von einem sicheren Zufluchtsort.
Lee lernt Kenny und seine Familie kennen. Kaatja erinnert mich an die Mutter meiner besten Freundin, Duck nervt mich eigentlich nur. Er verkörpert, ganz im Gegenteil zu Clementine, genau dieses Klischee von unnützen, vorlauten Filmkindern, die ihre erwachsenen Mitmenschen nur noch weiter in die Sch* reiten. Hershel (ja, der TV-Hershel…glaube ich) gibt Lee den wertvollen Rat, ehrlich zu sein. Ich muss zugeben, da konnte ich für den Rest des Spiels nicht ganz umsetzen. Nicht immer kann ich mich auf meine Menschenkenntnis verlassen (sind ja auch keine Meschen, sondern programmierte Spielfiguren, haha) und bleibe lieber skeptisch.

Als Hershel noch redet, hören wir einen Schrei. Shawn, Hershels Sohn klemmt unter dem Traktor fest, Duck sitzt auf dem Traktor und schaut dumm aus der Wäsche. Hinter dem Zaun eine handvoll Zombies, die sich ganz langsam an den beiden zu schaffen machen. Der Timer fängt an zu laufen und Lee muss sich entscheiden. Wem eilt er zu Hilfe, wen lässt er liegen? Mein erster Gedanke war: warum ich? Zwei Meter weiter steht Kaatja, Hershel hat grade noch mit mir geredet,wo sind sie, wenn man sie braucht? Warum bin ich jetzt der Trottel und muss mich zwischen den beiden entscheiden, wird dem anderen auch geholfen? In der Hitze des Gefechts entscheide ich mich für Duck. Eine Entscheidung die ich bereue. Der Junge ist außerordentlich dumm und scheint die Realität systematisch zu verdrängen, er hat den Typen, der ihn in seinem Haus aufgenommen hat, halb überfahren und, wie ich später feststelle, bedankt sich das Balg noch nicht einmal bei mir.
Nachdem ich Duck aus der Zombiehand befreit hab, eilt schon seit Vater Kenny herbei und verdünnisiert sich mit seinem Sohn. Danke, du Kameradenschwein.

Duck, der Traktorfahrer….

 

…oder Shawn, offensichtlicheres Zombiefutter?

Für Shawn kommt jede Hilfe zu spät.Er wird getötet und Hershel schmeißt alle Beteiligten kurzerhand von der Farm.
Im Nachhinein hätte ich Shawn geholfen. Erwachsene sind zu Zeiten einer Apokalypse „wertvoller“, Kinder stehen meistens nur dumm herum und müssen beschützt werden.
Nur leider ist diese Entscheidung nur eine pseudo-Eingriffsmöglichkeit. Shawn wäre so oder so gestorben, schade um ihn.

So viele Gedanken, und es kommen noch mehr!
Um euch nicht mit Text zu überhäufen, dürft ihr euch auf den nächsten Freitag freuen.
Dann werde ich über meine nächsten drei wichtigsten Momente der ersten Episode aus The Walking Dead philosophieren. Leute namens Doug, Carly, Irene, und ein untotes Familienmitglied von Lee werden dabei eine wichtige Rolle spielen.
Eine schöne Woche und keep it Zombie!

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