Jun 212013
 

happy family

Gut 4 Jahre ist es nun her, dass der fünfte Teil der Silent Hill-Reihe erschien. Obwohl er die schlechteste Bewertung und überwiegend enttäuschte Reaktionen erhielt, habe ich mir die Zeit genommen, mich noch einmal mit dem Spiel auseinanderzusetzen. Obwohl, oder eher weil ich nicht die Meinung der Internet-Communities und der Fachleute teilen konnte. Nebenbei gehöre ich (womöglich) nicht in die Kern-Zielgruppe (kein männlicher Spielenerd Mitte 30) und zähle das Spiel zu jenen, denen mir viele nette Erinnerungen zu verdanken habe. Daher habe ich das Horror Survival von 2008 von Konami aus meinem Regal geholt und mich noch einmal damit auseinandergesetzt.

Wie mein Grauen begann
Nach drei legendär guten und einem vierten Teil, der den Namen Silent Hill nur für die Verkaufsquote trug, konnte ich vor knapp 4 Jahren den damals seit einem halben Jahr erschienenen fünften Teil der Silent Hill Reihe für den PC selbst erleben.
Durchgespielt habe ich die packende Story damals nur mit männlicher Hilfe, viel gutem Zuredens und ein paar schlaflosen Nächten. Mit jedem neuen Teil von Silent Hill übt sich die Blase (ihr wisst schon, der Gang auf die Toilette der erst wieder mit Sonnenaufgang möglich ist), und zumindest meine wurde von „Homecoming“ nicht enttäuscht.

 

Die Story
Ich schlüpfte also in die Rolle von Alex Shepherd. Ein recht gutaussehender, 26 Jahre junger Mann. Nach einer Kriegsverletzung erholt sich der Kriegsveteran in einem Krankenhaus, als ihn ein (spielbarer) Albtraum wieder in seine Heimat ruft. Er will seinem kleinen Bruder Joshua zur Hilfe eilen. Jetzt kommt der interessante Teil: Seine Heimatsstadt Shepherd’s Glen liegt unter einem dichten Nebel, abstruse Monster verfolgen ihn wo er nur hinkommt, und von seiner Familie ist nur noch seine katatonische Mutter aufzufinden. Eine Figur die mich nach den Monstern am meisten verstört hat. Vater und Bruder sind verschwunden und Alex muss in der nun todbringenden Stadt herausfinden, was geschehen ist. Dabei trifft er auf alte Bekannte wie seine Sandkastenfreundin Elle, ein Blondchen das sein Verschwinden nie richtig verkraftet hat, oder den stark pigmentierten Polizisten Wheeler, der entgegen aller Filmklischees die Chance hat bis zum Ende der Spiels am Leben zu bleiben.

Außerden gibt es auch wieder die für Silent Hill typische städtische Sekte. Diesmal wird das Thema „opfere deinen Erstgeborenen oder alle werden von unserem Gott getötet“ behandelt.

„Mama, wir haben einen Vaginakopf im Keller“

(-Spoiler-)
Natürlich verschweigt und das Spiel die „wahre Story“ hinter den Geschehnissen und präsentiert sie stattdessen in kleinen Häppchen mit genügend Platz für Interpretation und Spekulation. Die Kurzfassung lautet ungefähr so: Alex kleiner Bruder Joshua ertrank vor Jahren bei einem gemeinsamen Bootsausflug. Alex gab sich die Schuld an dem Unfall und erlitt einen psychischen Schock. Joshuas Tod stürzt die Familie samt Stadt in einen höllischen Abgrund und Shepherd’s Glenn existiert seitdem in der „Otherworld“, einer Parallelwelt in der sich die Ängste und Schuldgefühle des Protagonisten in widerlichen Monstern manifestieren. Folglich kann man die Handlung also als eine Geschichte über Vergebung und Verlust mit einer wirklich kranken und anormalen Visualisierung aufnehmen. Ist das jetzt Kunst? Auf jeden Fall ist das Silent Hill wie es sich gehört.

„bessere“ Steuerung, selbes Spielgefühl
Meine Gedanken beim Anspielen und wieder spielen: schon wieder eine schlechte Steuerung! Wo zur Hölle bin ich hier? Ich hab Angst, ich will nicht in diesen Raum. Diese Tür ist verschlossen, SCHON WIEDER. Ist das nun ein Krankenhaus oder ein Schlachthaus hier? Typische Gedanken für ein Horror Survival soweit, und dann folgt der erste Kampf.
Laut Entwickler und Presse hat das Spiel ein neues überarbeitetes und „besseres“ Kampfsystem, immerhin ist der Protagonist diesmal ein erfahrener Kriegsveteran und kein Teenagermädchen. Leider ist die Steuerung zu träge und ich zu nervös um die neuen möglichen Angriffskombinationen auszuführen und deswegen drücke ich hier und auch im ganzen Spiel größtenteils nur auf die Angriffstaste und hoffe auf mein unverschämtes Glück. Das Spiel hat fairerweise verschiedene Schwierigkeitsgrade, was es mir überhaupt ermöglicht in der Story voranzukommen.

Obwohl der Protagonist mit seiner Kampferfahrung und seiner Erscheinung mehr Sicherheit und Macht vermitteln KÖNNTE, mache ich mir nach wie vor ins Höschen, selbst bei den kopfgroßen Monsterkäfern.
Langsam merkt man in jedem Satz dass ich ein Mädchen bin, oder?
Aber genau diese Hilflosigkeit und allgegenwärtige Angst macht mir Spaß, ich muss mich zu jedem Schritt und zu jedem dunklen Gang überreden und falle auf jeden kleinen Schockmoment rein (von der Decke fallende Leichen! Aus dem Wasser auftauchendes Monster im Eigenheimkeller! Das Geräusch wenn man etwas aufhebt ohne dies beabsichtigt zu haben! Hechelnde Hunde die man in dem verdammten Nebel nicht sehen kann!)
Nebenbei sind die Monster und Kreaturen wieder mal sehr außergewöhnlich und interessant gestaltet, bei jedem neuen Gegnertyp wünsche ich mir, das Spiel anzuhalten und mir das Vieh genauer anzusehen.

Mit jeder Spielstunde komme ich ein wenig mehr aus mir raus, aber dank meinem ängstlichen Wesen tragen es meine Nerven trotzdem ordentlich davon.
Die Endbosse in Form von verfluchten mutierten Kindern, besonders die kleine Scarlett, haben es mir angetan. Man muss halt unterscheiden können zwischen der Angst vor dem Spiel und der Faszination der Charaktere.

„Scarlet, Dauerbluterin“

„und das hier, liebe Kinder, ist ein sogennanter Nadler.“

Ich freue mich wenn die Herausforderung in einem Spielabschnitt nicht in Gemetzel, sondern in einem Rätsel besteht, halte den Atem an wenn eine unheilvolle Zwischensequenz startet und rege mich über die Handlungscharaktere auf. Dabei habe ich mal gehört, dass eine Figur nur dann gut ist, wenn der Zuschauer sie entweder hasst oder liebt, das spricht irgendwie für sich.
Die Handlung ist typischerweise schwer zu durchschauen, einiges bleibt den Lesefaulen in Form von herumliegenden Briefen und Buchseiten vorenthalten (den Fehler habe ich gemacht..).
Doch nach gefühlten Monaten und einem ABARTIGEN Endgegner hatte ich das Spiel hinter mir und was sich damals an Eindrücken in meinem Gehirn gespeichert hat, kann ich mit meinem kleinen Ausflug nur bestätigen.
Trotz aller Kritik: Leute, ich mag’s. Immer noch.

Die Facts, kurz und knackig:
Die Spiel war zu seiner Erscheinungszeit Grafik technisch durchaus auf dem neusten Stand, ich kann aus erster Hand bestätigen, dass es auf einem PC mehr hermacht als auf einer Playstation 3. Meiner Meinung nach ist Graphik aber nicht alles, und ich denke da werden mir die meisten zustimmen. Viel wichtiger ist doch das feeling, und überhaupt die Atmosphäre! Diese wird durch die alt bekannten und beliebten Geräusche und Schreckensmomente und vor perfekt durch die traurig-melancholische Hintergrundmusik von Musikgenie
Akira Yamaoka ergänzt.

Und noch ein Feature was es verdient hat, erwähnt zu werden: ein paar wenige, klug platzierte Entscheidungsmöglichkeiten für den Spieler à la: lasse ich die Person vor mir jämmerlich verrecken? Oder gebe ich ihr den Gnadenschuss? Diese Stellen regten zumindest mich dazu an, kurz innezuhalten und über die Konsequenzen der Entscheidung nachzudenken. Es sind immerhin (teilweise) Menschen die Alex kennt, auf die er da schießen soll! Raus kommen dann letztendlich verschiedene Endings, von (den Verhältnissen entsprechend gut) über schlecht bis UFO (wer jetzt nicht weis was das bedeutet: warum zur Hölle liest du diesen Text?!). Manch einer behauptet ja, die Entscheidungsfreiheit sei mir nur vorgegaugelt worden und man hat null Freiheiten die Story zu beeinflussen. Ich sage: zerstöre nicht meine Welt! Lasst mich naiv sein wenn ich im Spielfluss bin! Ob die Entscheidung welche Schuhe ich heute anziehe oder die Entscheidung, einen alten Freund zu retten oder sterben zu lassen: Entscheidung ist Entscheidung und hat ihre Konsequenzen und bei Spielen ist das eine für mich geschätzte Möglichkeit, sich nicht nur wie ein blöder Konsument sondern wie jemand ganz besonderes zu fühlen. <mit Glitzer werfen hier einfügen>

Mein Fazit: Auf seine Art ist das Spiel sehr gelungen und es hat mir für eine gute Weile unterhalten und Spaß gemacht. Ich kann verstehen dass die meisten eingefleischte Silent Hill-Fans den Teil nicht akzeptiert haben, aber ich bin nicht so „festgefahren“. Ich bin offen für Neues mit Altem Bewährtem kombiniert, und davon hat mir das Spiel genügend geboten. Es macht Bock und erinnert mich vor allem daran, wie schmerzhaft es für mich ist dass Nachfolger wie „downpour“ nicht für den PC erschienen sind. Also, entgegen aller Kritik: ich fand’s gut! Und tschüss!

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